The Soul of Drum&Bass: Marcus Intalex ist tot

Foto: Andrew Gerrand (Creative Commons Attribution-ShareAlike 2.5 License)

Persönlich bin ich ihm nie begegnet, und ich habe ihn tatsächlich in all den Jahren kein einziges Mal live bei einem DJ-Auftritt erlebt. Obwohl sein Sound immer genau mein Ding war und er zu „Basslastic“-Zeiten auf unserem Booking-Wunschzettel ja durchaus immer ganz weit oben stand. Irgendwie kam es halt leider nie dazu. Aber trotzdem war Marcus Intalex bei jeder Party – spätestens so ungefähr ab der Jahrtausendwende – mit dabei. Auf Vinyl, in Form seiner eigenen Produktionen und der unzähligen Klassiker aus der Schmiede seines Premium-Labels „Soul:R“, die aus unseren Plattenkisten gar nicht mehr wegzudenken waren.

Da, wo Marcus Intalex oder eines seiner Pseudonyme und Projektnamen, von M.I.S.T. über Mist:i:cal bis hin zu seinem Techno-Alias Trevino, drauf stand, war Qualität drin. Zeitlose Qualität. Soul:R-Platten sortierte man niemals aus, man stellte sie höchstens mal vorübergehend ins Archiv, um sie allesamt irgendwann wieder neu zu entdecken. „My Soul“, „Outerspace“, „Lover“, „Sunshine“, „Wide Eyes“, die „Midnight“-, „LK“-, „Born to Die“- und Wasweißichnoch-Remixes … Ohne Marcus Intalex, seine Tracks und sein Label aus der traditionellen englischen Rave-Brutstätte Manchester wäre Drum & Bass um so viele Perlen und – Nomen est omen – um jede Menge Soul ärmer.

In den frühen Nuller-Jahren mischte er den Liquid Funk auf, sorgte mit locker-flockigen Ohrwürmern für sonnige Vibes auf den Tanzflächen und fixte damit so manchen begeisterten Quereinsteiger mit Drum&Bass erst an. Doch auch später war er mit seinen minimalistischer werdenden Tracks immer ganz vorne mit dabei. Bei Soul:R war der Lack nie ab. Man verfing sich niemals im Hype um das nächste große Ding, sondern blieb stets Triebfeder eines erwachsenen und im besten Sinne deepen Drum&Bass: musikalisch, unaufgeregt, ernsthaft, klar, frisch und oftmals brillant. Mal sphärisch-elektroid daher kommend, ohne Scheu über den Tellerrand rüber nach Detroit schielend, mal als knochentrockene Roller mit strammen Beats, einem Amen-Break oder mit Reggae-Flavour: Marcus Intalex beherrschte mit großer Eleganz und einem guten Gespür für Sounds und Stimmungen die ganze Drum&Bass-Klaviatur. Seine Tracks funktionieren im Wohnzimmer und auf dem Dancefloor gleichermaßen – und das mit Stil und ganz ohne einen auf dicke Hose zu machen.

Er war kein schillerndes Gesicht des Genres wie Goldie, aber vielleicht so etwas wie seine musikalische Seele, zumindest aber eine seiner Ikonen. Am vergangenen Wochenende ist der Produzent, DJ und Labelmacher Marcus Kaye alias Marcus Intalex gestorben.

Tschernobyl: Als die Wolke kam

30 Jahre Tschernobyl
Foto: pixabay.com

Ich saß in der Schule, als die Wolke kam. Mein Nebensitzer raunte mir irgendwas zu, von wegen Radioaktivität, Strahlung, Unfall bei den Sowjets und so. Und dann sah ich es auch in den Nachrichten. Da musste wohl was Krasses passiert sein. Aber nix Genaues wusste man nicht. Noch nicht. Der eiserne Vorhang ließ zwar die Wolke durch, bei Infos hielt er dicht. Mangels Twitter & Co. dauerte es also eine halbe Ewigkeit, ehe dann jeder begriff, dass da in Tschernobyl nicht nur ein Sack Reis umgefallen war, sondern ein Super-GAU gerade halb Europa verstrahlt hatte.

Als Kind hatte ich ja immer schreckliche Angst vorm Atomkrieg, aber dass die Scheiße auch ganz ohne Bombe zu einem kommen kann, damit rechnete ich nicht. Irgendwie kann das ja nicht so sicher sein mit diesen Dingern, oder? Irgendwie ist Atomkraft doch saugefährlich? Dachten jetzt jedenfalls die meisten. Auch die, die keine „Nein danke“ Bäpper hinten auf dem Auto hatten. Nur unser Physiklehrer nicht. Atomkraft? Saubere Sache, ereiferte der sich. Und total sicher. Nur die doofen Russen können halt nix. Zuviel Wodka am Steuerknüppel und so. Und sowieso: Es heiße nicht Atomkraft, sondern Kernkraft. Das möchte er doch mal klargestellt haben. Was er damit genau sagen wollte und was solche Spitzfindigkeiten an der Gesamtsituation ändern würden, weiß ich bis heute nicht.

Aber ich habe generell nicht allzu viel von dem verstanden, was er da vorne immer so erzählt hat. Hoffentlich komme ich nie in eine Situation, dass ich alleine im Schaltraum eines havarierten Atom- , tschuldigung, Kernkraftwerkes sitze, das Schicksal der Welt von mir abhängt und es sich bitterlich rächt, dass mir einfach die Physik-Basics fehlen. Sorry, aber das Zeug war mir halt zu technisch, könnte man sagen. Ich habe lieber meine Energie darauf verwendet, liebevoll das VfB-Wappen in den verschiedensten Varianten in die ollen Holzbänke des Physiksaals einzutätowieren.

Apropos VfB Stuttgart. Mein guter alter Lieblingsverein stand ja ein paar Tage nach Tschernobyl im DFB-Pokalfinale und kriegte dort mit 2:5 von den Bayern eins auf die Mütze (Tore: Buchwald und Klinsmann). Ich weiß das genau, weil ich am selben Tag – ein paar Stunden früher – mit der Jugendmannschaft meines Dorfklubs von der Jugendmannschaft eines anderen Dorfklubs auch eins auf die Mütze bekommen hatte – mit ähnlich deutlichem Ergebnis. Und in der Pause des Spiels saßen wir da halt so rum auf dem satt-grün-strahlenden Rasen, den zuvor die radioaktive Wolke aus dem Osten so schön begossen hatte, und dachten nix Böses.

Was das alles bedeutete und wie schlimm es wirklich war, kam ja erst ganz allmählich raus. Bei denen in der Ukraine sowieso, aber auch bei uns. In der Zeitung stand, man könne nicht mehr alles essen, meine Oma ließ ihr Gartengemüse mit dem Geigerzähler checken und dann hieß es auch noch: Der Bua darf heut net ins Fußballtraining. Und spätestens da habe ich begriffen, was das mit der Atomkraft für eine Riesensauerei ist. Komischerweise musste 25 Jahre später erst noch ein japanischer Reaktor hochgehen, bis es dann jedem klar war – außer meinem Physiklehrer wahrscheinlich.

Nachruf: James Last

Happyning

Es gibt ja diesen typischen Einstieg bei vielen Musiker- und DJ-Biografien, die dem Leser klarmachen sollen: hey, der Typ war schon immer eine coole Socke. Also Floskeln wie „schon von klein auf Kraftwerk-Fan gewesen“, „als Siebenjähriger auf Jungle-Tapes aus London abgefahren“ oder „groß geworden in einem besetzten Haus mit lauter Punkrockern und Performancekünstlern“. Bei mir würde da eher stehen: „Hat früh schon die väterliche James-Last-Plattensammlung in den Händen gehabt.“ In erster Linie wegen der Cover natürlich, aber auch den Sound fand ich als Steppke nicht übel.

Auch wenn sich unsere musikalischen Wege irgendwann weitestgehend trennten und nur punktuell das eine oder andere Mal wieder kreuzen sollten (Stichwort „Happy Brasilia!“): Hans (James) Last, der Meister des „Happy Sounds“ und der „Non Stop Dancing“ Scheiben, der Godfather des Easy Listening,  ist für mich immer der korrekte Bandleader schlechthin geblieben (deutlich vor Max Greger).

Last hat in seiner Karriere ungefähr 499 LPs aufgenommen und davon unglaublich viele Kopien verkauft, war trotzdem zwischendurch fast pleite, hat aber die Kurve gekriegt und sein Häuschen in Florida behalten können. Bis zuletzt stand er mit seiner Big Band auf der Bühne. Jetzt ist James Last gestorben.

Ihm zu Ehren:

Unterwegs: Digital Analog Festival

DA 01

Bodenseebass war mal wieder auf Tour. Einmal mehr Fernbus, einmal mehr in Bayerns Hauptstadt. Diesmal aber zum Digital Analog Festival. Ist in München, kostet aber trotzdem keinen Eintritt. Und für seine null Euro kriegt man dann eine noble Location (Gasteig), wo sonst die Hochkultur zuhause ist, ein somit für ein Festival recht außergewöhnliches Ambiente (keine Getränke in den Sälen erlaubt, strenge Hostessen passen auf), jede Menge Visuals und viel Musik, Performance und Knöpflesdreherei.

So hat Dieter Döpfer, Geschäftsführer der Doepfer Musikelektronik GmbH und Meister der Modularen Synthesizer, gleich seine halbe Klangwerkstatt aus Gräfelfing mitgebracht und steuert zusammen mit Videokünstlern akribisch eine gigantische audiovisuelle Mensch-Maschine. Nebenan gibt’s auch eine lustige Spielecke fürs Publikum: An einem sich langsam drehenden kleinen Modularsystem darf man selbst mitmachen und an dem Karussell so lange Kabel umstecken, Schalter umlegen und Regler drehen, bis sich das aus dem Ding kommende Fiepen, Knacksen und Gluckern tatsächlich verändert.

In den einzelnen, mitunter äußerst komfortabel bestuhlten Sälen spielen Livebands auf, die mir allesamt zuvor noch nix gesagt haben und zwischen cool (Freeda Beast) und etwas albern (Johann Sebastian Bass) variieren. Und sonst? Mit Cyberbrille und Kopfhörer ausgestattete Menschen schwingen auf einer Schaukel durch irgendwelche virtuelle Realitäten, und dann war da noch irgendwas mit einem Hasen, was ich aber nicht ganz kapiert habe. Die Bilder:

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Vinylgeschichten: Dr. Dre – The Chronic

The Chronic Cover

„Biaatsch“ – Snoop Doggy Doggs ganz spezielle Aussprache dieses im Rap ja doch hin und wieder verwendeten Wortes rechtfertigt den laut Wikipedia „beleidigenden Ausdruck für eine Frau“ keineswegs. Aber es verleiht dem Ganzen dann irgendwie doch eine humorvolle Note. „Gangsterrap klang nie süßer“, schrieb wohl nicht zuletzt deshalb laut.de einmal über den Hip-Hop-Klassiker „The Chronic“, der eine Zeit lang in jedem anständigen DJ-Case stand. So ganz am Anfang auch in meinem.

Meinen ersten festen DJ-Job hatte ich in einer ziemlich netten Kneipe, heute würde man Szene-Bar dazu sagen. Auf jeden Fall gab‘s dort am Wochenende immer Sound vom DJ, und der Freitag gehörte uns. Auf dem Programm stand alles zwischen Rap, Jazz, Funk und Soul. Publikumswünsche wurden gerne erfüllt, vor allem wenn düster dreinblickende Baseballcapträger kurz und knapp „Cube“ einforderten. Besagter Typ war in Wirklichkeit natürlich total harmlos, und ein paar Ice Cube Songs hatte ich tatsächlich in petto. Musikalisch gesehen war das sowieso völlig in Ordnung. Denn der Deal mit der Bar-Chefin war: Hip Hop bis elf, „und dann könnt Ihr Euer Acid-Jazz-Zeugs spielen“. Gebongt. Also bekam der Kerle nicht nur jeden Freitagabend und notfalls auch nach elf seinen Cube, sondern auch noch Dr. Dre hinterher.

Womit wir beim Thema wären: Dr. Dres „The Chronic“. 1992 veröffentlicht. Eines der besten Rap-Alben aller Zeiten. Das sag‘ jetzt nicht ich, sondern das ist einfach so. Dicker, cooler, trockener war Gangsta-Rap bis dato nicht und wahrscheinlich danach auch nie wieder. Zumindest nicht in dieser geballten Form. Nuthin‘ but a G Thang, Baby. Let Me Ride, Fuck wit Dre Day und so weiter und so fort. Eine LP voller G-Funk-Straßenhits.

The Chronic Back

Ich spielte „The Chronic“ damals noch von CD, weil ich mir dann erst später die 2001 nachgepresste Doppel-Vinylausgabe holen sollte. Viel wichtiger aber: Ich hatte auch eine Kopie auf Tape. Fürs Auto. Weil „The Chronic“ eben ein Album ist, das wahrscheinlich primär fürs Auto produziert wurde. Schon klar, eher für fette Amischlitten und nicht unbedingt für meinen postgelben rostigen 40-PS-Fiesta mit Bob-Marley-Bäpper hinten drauf. Aber egal. Scheibe runter. Zum ersten Beat spulen und Kupplung langsam kommen lassen. Dre. Hell yeah, Biaatsch. Wie cool.

Was das Ex-N.W.A.-Mitglied da zusammen mit seinen Homies Snoop & Co. rappte, hatte mit unserem Abiturientenleben zwar so gar nix zu tun. Aber – und hier wird`s entscheidend: Wir waren uns dessen voll und ganz bewusst. Unsere schwäbische Kleinstadt war nicht South Central Los Angeles. Nicht mal ein bisschen. Und wir keine Gangster. Nicht mal ein bisschen. Und eigentlich war uns der ganze Ami-Style auch völlig egal. Aber Dre zu hören, das war trotzdem okay. Vor allem in Verbindung mit Ford Fiesta und Kupplungsproblemen ergab das ein stimmiges Gesamtbild, für das man sich nicht schämen muss. Auch wenn man sonst Arrested Development hörte.

Aber Gangster-Business hin oder her. Die Platte war einfach musikalisch ein absoluter Meilenstein. Und so zeitlos, dass sie heute immer noch vollkommen alltagstauglich ist. Gerade bei L.A.-Wetter. Dres wuchtige Raps, seine fetten Beats im entspannten Kopfnickertempo, die legendären Synthiemelodien, die sich wie ein roter Faden durch die Tracks ziehen und unverschämt funky daherkommen, und natürlich Snoop Doggy Doggs geschmeidiger Einstand auf der großen Hip-Hop-Bühne. Ein Album wie aus einem Guss, das es nach dem Fiesta auch in jedes Nachfolgerfahrzeug geschafft hat. All Killer, no Filler. Biaatsch.

  • Faktencheck:
    Titel:
    „The Chronic“
    Interpret: Dr. Dre
    Label: Death Row
    Pressung:
    2001
    Bezugsquelle:
    Plattenladen
    Genre:
    Hip Hop
    Platz im Plattenregal:
    zwischen N.W.A. und Ice-T
    Nerd-Faktor:
    null
    Angeber-Faktor:
    kommt aufs Auto an
    Musikalischer Anspruch:
    hoch
    Anspieltipp:
    „Nuthin‘ but a G Thang“
    Wert laut discogs.com:
    Zwischen 13 und 27 Euro. Für die US-Originalpressung von 1992 werden zwischen 25 und 150 Euro verlangt.

Danke für die Nominierung, hier meine Liste

Harlem Shake, Gangnam Style. Meist kriege ich so genannte Internettrends erst mit, wenn sie in der Zeitung stehen. Also ziemlich spät. Oder ich will sie gar nicht mitkriegen, die ganzen Bier- und Eiswürfel-Challenges, die sich in meine Facebook-Chronik verirren.

Jetzt aber doch eine Nominierung, dank DJ-Kollege Double-L. Und die kann man schlecht ignorieren, zumal es um Musikalben geht. Wenn ich das richtig verstanden habe nicht um die besten aller Zeiten, sondern um jene zehn, die einen am meisten auf irgendeine nachhaltige Art beeinflusst haben.

Um eine solche Liste gewissenhaft zu erstellen, bedarf es eigentlich eines ausführlicheren In-sich-gehens. Aber eine spontane Auswahl – ohne jeglichen Anspruch auf Vollständigkeit und in keiner bestimmten Reihenfolge – ist doch recht schnell getroffen. Also los geht’s: RTL präsentiert die zehn einflussreichsten Langspielschallplatten aller Zeiten:

Cover Protection

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Portishead – „Dummy“
Massive Attack – „Protection“
Beide im Herbst 1994 erschienen, absolute Meilensteine – und für mich nichts weniger als der Soundtrack dieser Zeit. Portishead liefern ein atemberaubendes Albumdebüt ab, und Massive Attack machen hier den nächsten musikalischen Schritt nach ihrer samplewütigen Downbeat-Blaupause „Blue Lines“, die (meiner Meinung nach fälschlicherweise) in den üblichen Meisterwerk-Listen meist den Vorzug vor „Protection“ erhält.

Tricky – „Maxinquaye“
„Maxinquaye“ komplettierte kurz nach „Dummy“ und „Protection“ eine sagenhafte Bristol-Trilogie. Fast 20 Jahre alt ist das Album, hat aber kein bisschen was von seiner Wertigkeit verloren. Superdeepe Tracks, die zerbrechlichen Vocals von Martina Topley-Bird, und mit der Gitarrenadaption von Public Enemys „Black Steel in the Hour of Chaos“ eine der gelungensten Coverversionen aller Zeiten an Bord. Grandioses Werk.

Neneh Cherry – „Homebrew“
Neneh Cherrys zweite LP war für mich immer irgendwie die poppige Cousine der erstgenannten Alben. Durchweg tolle Songs, getragen von Cherrys zwischen Gesang und Rap wechselnder Stimme. Und total emanzipiert von ihrem vorangegangenen Dancealbum („Raw Like Sushi“). Ein völlig unterschätztes Popalbum.

Goldie – „Timeless“
Drum&Bass, und zwar diese Mittneunzigerwelle aus dem ganzen Metalheadz-Zeug, Photeks „Modus Operandi“ LP oder den Sachen von Source Direct und Konsorten, eröffnete einem nicht nur ein neues Genre, sondern auch eine völlig neue Art des Musikhörens. Und Goldies Meisterstück „Timeless“ war die Speerspitze der Revolution. Diese Sounds , diese Beats, diese Bässe, diese Atmosphäre, diese Sehnsucht. So viel Ernsthaftigkeit und Tiefgang hatte ich bis dato in der schnelleren elektronischen Tanzmusik nicht gehört. Bis dahin war Jungle ein interessanter Trend, danach war er in einem drin.

a-ha – „Scoundrel Days“
Okay, diese Pop-Scheibe aus den Achtzigern muss auch ehrlicherweise mit in die Liste rein. Eigentlich war das damals voll die Mädchenmusik, aber ich fand das trotzdem gut. Außerdem war es – siehe hier – auch meine erste (oder zweite) selbstgekaufte Vinylschallplatte. Also schon von daher gesehen hier nicht fehl am Platz.

Galliano – „In Pursuit of the 13th Note“
Mein Einstieg in ein jahrelanges Fan-Sein. Jazz, Rap, Soul, Reggae und Funk in einem Mix, der duftete wie ein sonniger Frühlingstag auf dem Londoner Camden Market irgendwann in den Neunzigern. Ich hab alle Platten von denen, alle Live-Bootlegs und die meisten Maxis auch. Und bei den sensationellen Live-Konzerten stand ich immer in Reihe eins.

David Holmes – „This Film’s Crap, Let’s Slash the Seats“
Jaja, schon wieder Neunziger, aber so ist das nun mal. Diese Scheibe von David Holmes, auch bekannt als Filmmusikkomponist und unter anderem geremixed von Kruder und Dorfmeister, war auch so ein fulminanter Bastard aus Techno, Trip Hop, (Big-)Breakbeats und Ambient, der für das damalige Aufweichen der Stilgrenzen stand.

Urban Dance Squad – „Mental Floss for the Globe“
Ich fand es seinerzeit immer spannend, wenn Hip Hop mit anderen Styles kombiniert wurde. Eine Band, die schon früh mit dem Crossover von Rap und Rock anfing, war die Urban Dance Squad. Hier könnte jetzt zwar auch das musikalisch viel ausgereiftere und funkigere „Blood Sugar Sex Magik“ von den Red Hot Chili Peppers stehen (oder was von Faith No More). Aber die U.D.S. war halt zuerst im Regal.

Björk – „Homogenic“
Ich bin etwas unsicher. Aber eigentlich darf Björk in der Liste nicht fehlen. Bloß welches Album? „Homogenic“, weil man darauf vielleicht doch die typischere Björk findet als zum Beispiel auf „Debut“?

Unterwegs: Im Spieleland Neckarstadion

Neckarstadion

Das erste Stadionerlebnis prägt einen Fußballfan meist für immer. Man macht große Augen, saugt die Atmosphäre auf und verliebt sich idealerweise in einen Klub, dem man dann für den Rest seines Lebens die Stange hält. Egal, wie schmerzlich das auch werden und in welcher Liga das auch enden mag. In meinem Fall war es aber die total perfekte Premiere. Erste Bundesliga, 6:1-Kantersieg, den roten Brustring fortan noch fester im Herzen tragend, VfB Stuttgart forever. Die weitere Story ist bekannt.

Doch was macht die nächste Generation? Der VfB, das muss man einfach sagen, ist gerade nicht unbedingt der letzte Schrei. Und so liebäugelt der eigene Nachwuchs schon sachte mit der erfolgreicheren Konkurrenz und schwärmt unverhohlen für Schweini. Man kann also nicht früh genug damit anfangen, die richtigen Weichen zu stellen. Kluge Worte allein („Der Chef von Bayern ist ein Bandit und sitzt im Knast“) helfen da aber nix. Und mit einem Hansi-Müller-Poster kannst Du heute sowieso nicht mehr kommen.

Höchste Zeit für einen Stadionbesuch in Stuttgart also. Bloß zu welchem Spiel? Bayern? Vergiss es. Gegen Dortmund oder Gladbach? Viel zu riskant! Nein, man wählt extra das Derby Nachbarschaftsduell gegen die vermeintlichen Pfeifen von der Turn- und Sportgemeinschaft Hoffenheim, um das Schicksal nicht allzu sehr herauszufordern. Gegen die wurde schließlich sogar im vergangenen (Fastabstiegs-)Jahr gewonnen. Obwohl ich meinen VfB ja kenne und ihm inzwischen alles Schlechte zutraue, aber da müsste doch was drin sein, meinte ich.

Familienblock
Da schau her: Ein Stück Meckenbeuren in Stuttgart.

Also ab ins Neckarstadion. Dort – schließlich sind Kinder dabei – steht man natürlich nicht im Fanblock, sondern hat sich Karten für die etwas ruhigere Ecke der Arena besorgt. Und die hat einen Namen: Willkommen im Ravensburger Spieleland Familienblock! Nicht zu fassen. Und so wie im Freizeitpark kommt der Gast sich zunächst auch vor. Alle lächeln, es gibt Traubenzucker-Giveaways, der Sicherheitsmann entschuldigt sich schon fast dafür, einen scheuen Blick in den Rucksack werfen zu müssen, und VfB-Maskottchen Fritzle steht für ein gemeinsames Foto zur Verfügung (und verspricht mir per Handschlag bei der Ehre von Gerhard Mayer-Vorfelder drei Punkte). Die volle Wohlfühloase. Nur Käpt‘n Blaubär und Hein Blöd fehlen da noch. Und das Traktorbähnle durchs Hopfenfeld.

Fritzle

Selfie mit Fritzle? Ravensburger Spieleland Familienblock? Das Ultras-Teufelchen auf der linken Schulter sagt: „Pfui. Nieder mit dem modernen Fußball!“ Das Eventfan-Engelchen auf der rechten sagt: „Tolle Sache. Rauchfreier Block, saubere Klos, keine Saufbrüder weit und breit. Alles fein.“

Aber wichtig ist schließlich auf dem Platz™. Und da tut mein lieber VfB alles dafür, jeglichen Fannachwuchs Richtung Dortmund und München zu vergraulen. Vorne bringt er nix zustande, hinten fängt er sich zwei Dinger ein. Was für ein Drama. Immer wenn Du denkst, es geht nichts mehr, kommt von irgendwo eine noch schlimmere Flanke her. Was hat Dich bloß so ruiniert, Du Meister von 2007? Die Cannstatter Kurve kennt den Schuldigen und skandiert das, was alle denken: „Bobic raus“. Vis à vis im Ravensburger Spieleland Familienblock brechen Dutzende Kinderherzen und man selbst knurrt nur still in sich hinein: Das war nicht der Deal, Fritzle.

Kult-Komiker Wigald Boning (47) durchschwimmt den Bodensee

Breitenquerung
Bild: Pressemitteilung des Veranstalters

Bodenseequerung – das ist der heiße Scheiß der Saison. Einmal nonstop den See vom einen bis zum anderen Ufer durchbaden. Ist ein richtiges Eventbusiness geworden inzwischen. Mehrmals pro Woche steht in diesem Sommer eine offizielle Bodenseequerung auf dem Programm. Voll die Marktlücke, die der Veranstalter aus Winnenden da gefüllt hat. Längs- und Breitenquerung, Dreiländerquerung, Einzel, Staffel. Da ist fast für jeden Geschmack was dabei.

Der Ironman unter den Seequerungen ist die 64-Kilometer-Strecke von Bodman nach Bregenz (Achtung: schaffen nur geübte Schwimmer), die Silberroute ist Friedrichshafen – Romanshorn, parallel zur Fähre.  Erst vor drei Wochen hat eine 19-Jährige aus Marburg diese Breitenquerung in Rekordzeit runtergeschwommen: gut zwei Stunden und 50 Minuten. Das ist verdammt schnell, bestätigt unsere Sportredaktion. Für die meisten anderen auf der Teilnehmerliste dürfte eher das Motto gelten: Hauptsache ankommen.

Hauptsache zugucken ist auch ein schönes Motto, besonders wenn ein aus Funk und Fernsehen bekanntes Gesicht – wie heute geschehen – bei der „kleinen“ Bodenseequerung an den Start geht: Wigald Boning. Ist wohl sowieso voll die Sportskanone, der Mann, hat jetzt irgendwie vor ein paar Monaten auch das Schwimmen für sich entdeckt und laut Pressetext in dieser Zeit „nahezu jeden Tümpel, in dem wenigstens ansatzweise die Chance besteht, ein paar Meter zu schwimmen, kennengelernt.“

Nun will Boning die paar 12.000 Meter rüber in die Schweiz kraulen. Ohne Neoprenanzug, Quietsche-Entchen, Flossen oder Schwimmflügel. So sind die Regeln. Nur ein Begleitboot, das auf einen aufpasst und ein paar Lunchpakete für unterwegs dabei hat, tuckert neben einem her.

Von einem (gescheiterten) Längsquerungsversuch – also das Bodman-Bregenz-Ding – haben wir vor zwei Jahren noch aus dem Studio berichtet, nun ist Bodenseebass aber live und direkt dabei beim Start der boningschen Seequerung in Friedrichshafen. „Gegen zehn“ soll’s dort losgehen, so der Plan. Radio, Zeitung – alle schon da. Zu berichten gibt’s nicht viel. Ein paar Schwäne glotzen abschätzig in Richtung Presseschar. Ein Bikinimädchen liegt einsam auf dem Kies und arbeitet hart an seinem Teint. Man selbst aber auch, denn weit und breit ist noch kein Boning in Sicht. Was ist bloß los? Bootspanne? Muskelkater? Eine Info macht die Runde: Die sind gerade erst losgefahren im Hafen. Dauert also noch. Zeit für Postkartenbilder:

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Süß.

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Schöne Ecke, nur in der Unterführung stinkt’s nach Pisse. Blöd, da einziger Schattenplatz.

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Jetzt könnt‘ er doch mal auftauchen, der Boning. Das Bikinimädchen ist längst weg, dafür trudeln weitere Fotografen ein, inspizieren die äußeren Bedingungen, die allgemein als gut eingeschätzt werden. Sanfter Wellengang, blauer Himmel, ein Sommertag wie aus dem Bilderbuch. Und wieviel Grad hat das Wasser? Ein Herr, dessen Funktion ich nicht kenne, der aber wichtig aussieht, steckt seinen Finger für eine Sekunde ins Wasser und behauptet: „Zwanzig.“ Ich notier mir das mal. Ein Passant erkundigt sich, wer dieser Wigald Boning denn überhaupt sei. „Da gab’s mal so eine Band, ‚Die Doofen'“, klärt ein anderer auf. Aber das hilft dem Ahnungslosen auch nicht wirklich weiter.

Auf dem See tut sich immer noch nix. „Wo ist Boning“, würde Bruno Moravetz fragen. „Also wenn wir schon so lange warten, dann muss er wenigstens nachher auch was sagen“, meinen die Presseleute.

Endlich, da kommt er:

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Kleine Regelkunde: Der Schwimmer muss zunächst zum offiziellen Startplatz an Land kommen. Erst dann läuft die Uhr.

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Boning steigt aus den Fluten. Ganz schön klein, der Typ, aber fit wie ein Turnschuh. Die Pressemeute umlagert ihn sogleich. Er hat nicht viel Zeit, aber natürlich sagt ein Wigald Boning was in die Mikrofone. Wieso, weshalb, warum er das macht? Boning lässt ein paar Sprüche vom Stapel, nachzulesen hier, nachzuhören hier. Er werde im Wasser immer wieder auf hundert zählen, damit’s ihm nicht langweilig wird,  und so weiter halt.

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Auch ein paar Worte an die Bodenseebass-Leser vielleicht, Herr Boning? „Gerne. Viele Grüße an alle Bodenseebass-Fans und danke für Eure tolle Unterstützung! Das hier ist auch Eure Weltmeisterschaft Bodenseequerung. Ohne Euch würde ich das Ganze überhaupt nicht schaffen“, sagt Boning.

Naja, sagt er nicht. Hätte er aber bestimmt, wäre nicht just in dem Moment, als ich mich für das Selfie des Tages bereit mache, die Sirene vom Begleitboot ertönt. „Oh, es geht los.“ Spricht’s, watet in das seichte Wasser und schwimmt,  eskortiert von ein paar Enten, davon.

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Ob er es geschafft hat? Und ob er es geschafft hat:

Fb Post Bodenseequerung

Hansi Müller ist schuld

HansiMueller

Wahrscheinlich lag es an Hansi Müller. Besser gesagt: An dem Hochglanzposter, das irgendwie in meinen Besitz gekommen war und das den einstigen Mittelfeldregisseur des VfB Stuttgart in dynamischer Pose auf dem Rasen des Neckarstadions zeigte. Sonst, wer weiß, wäre ich vielleicht ja auch HSV-Fan geworden und müsste heute um den Verbleib in der Bundesliga bangen. So wurde es – befeuert von ein paar Gratisbildchen vom lokalen Sportfachhandel und einem Trainingsbesuch mit dem Kinderferienprogramm – der VfB.

Im Endeffekt war Hansi Müller also nur ein Türöffner, aber ihn hier wegzulassen, wäre historisch falsch. „Kann Hansi was dafür, dass er so schön ist?“, soll der „kicker“ mal über ihn geschrieben haben – den „schönen Hansi“, den ersten Bravo-Posterboy aus Stuttgart, lange vor Max „Jesus von Benztown“ Herre. Müller hätte heute bestimmt viereinhalb Millionen Facebook-Fans. Mindestens. Ein Typ, der eher aussah wie ein Süditaliener als wie ein gebürtiger Schwabe und deshalb auch in vielen Mädchenzimmern über dem Bett hing – und der auf dem Platz ein Schöngeist war, umgeben von blutgrätschenden Raubeinen wie den Förster-Brüdern. Die verkörperten Fußball made in Germany in den Achtzigern. Hansi Müller, der Ästhet, blieb wie manch anderer seiner Generation immer so ein bisschen das unvollendete Genie. Klar, Europameister 1980, aber sonst nicht die ganz große Karriere hingelegt. 1982 verließ er den VfB wie so viele nach ihm in Richtung große weite Fußballwelt. Also in seinem Falle Inter Mailand (Italien, logisch!).

Und so war er längst weg, als es bei mir so richtig losging. Im Stadion. Cannstatter Kurve. B-Block. Ein Ort, vor dem uns unsere Eltern doch immer vehement gewarnt hatten. Dort stand man im Regen, damals noch gefühlte hundertfünfzig Meter vom Spielfeld entfernt, sah fast nix, und es roch nach Bier und jahrelang ungewaschenen Kutten. Man beschimpfte Bremer als stinkende Fische und alle anderen als Asoziale, die unter Brücken leben und in der Bahnhofsmission schlafen. Und nach einem Tor fielen einem wildfremde übergewichtige Männer mit Alkoholerfahrung und fettigen Haaren um den Hals. Aber das Glück, das sich für einen kurzen Moment in ihren Augen spiegelte. Das war‘s.

Und auf dem Platz irgendwo da unten in der Ferne standen Helden wie Karl „Wasenkarle“ Allgöwer, der Freistöße auch gerne mal aus 40 Metern in die Maschen drosch, Jürgen Klinsmann, der leicht fiel, aber immer so schön jubelte und privat ganz bescheiden Golf-Cabrio fuhr, humorlose Verteidiger wie Günther Schäfer, die einfach ihren Job machten, sympathische Grobmotoriker wie Guido Buchwald oder für das spielerische Element verantwortliche Akteure wie Matthias Sammer (mit Haaren). Der VfB, das waren aber auch Gestalten wie Gerhard Mayer-Vorfelder, Dieter Hundt, Egon Coordes oder Winfried Schäfer. Man nahm sie in Kauf. Und die Niederlagen gegen osteuropäische Klubs, die es wahrscheinlich gar nicht mehr gibt, die trostlosen Spiele im Herbstnieselregen im gähnend leeren Stadion gegen Bayer Uerdingen und den VfL Bochum auch, und wurde entschädigt durch legendäre Fallrückziehertore gegen Bayern, und manchmal sogar durch den einen oder anderen Titel, wenn denn mal Weihnachten und Ostern zusammenfiel.

VfB

Es hätte also schlimmer kommen können mit dem Fan-Dasein. Als Waldhof-Mannheim-Fan etwa, oder als Anhänger des 1. FC Köln oder Supporter von 1860 München oder Fortuna Düsseldorf. Vereine, die in Europa keine Sau kennt, würde der Kurvenfan singen. Zugegeben, uns kennt da so langsam auch keine Sau mehr. Und sowieso: Pop ist der VfB nie gewesen, bis auf Hansi natürlich. Und selbst der ist ja zumindest politisch eher konservativ gestrickt. Wie auch Angela-Merkel-Wahlkämpfer Afrob. Der gibt ja auch manchmal seinen Senf dazu, wenn man schnell mal einen VfB-Promi-Fan vors Mikrofon zerren muss und kein besserer da ist, weil Hartmut Engler gerade mit „Pur“ unterwegs ist. Aber Afrob und Engler sind nicht Campino (Düsseldorf) oder Herbert Grönemeyer (Bochum) oder der dicke „Tatort“-Kommissar da (St. Pauli). Und die Fantastischen Vier zählen nicht. Von daher wird’s wohl nie was werden mit der glamourösen VfB-Weltherrschaft.

Aber dem Graue-Maus-Ding kann man ja durchaus auch etwas abgewinnen, wie es mal vor ein paar Jahren ein Journalist bei seiner Liebeserklärung an den VfB seinem Outing als VfB-Fan auf den Punkt brachte:

„Nein, der VfB ist anders. Er ist herrlich normal. So normal wie kein anderer Verein in der Bundesliga, behaupte ich mal. Hier muss man sich keine Sorgen machen, dass der Verein auf Dauer in der Spitze mitspielen wird. Der VfB wird sich aber dauerhaft in der oberen Hälfte halten, so viel ist sicher. Jede zweite Saison Uefa-Cup, alle zehn Jahre Meister – um danach wieder schön ins Mittelfeld abzustürzen.“

Jedem Frühling folgen also zwei nasskalte Herbste, um dann einmal im Jahrzehnt, wenn die Sterne günstig stehen, wie aus dem Nichts die Meisterschale zu holen. 1984, 1992, 2007. Große Gefühle für einen VfB-Fan, der ligaweit eher als Bruddler gilt. Während in Dortmund und Schalke auch zum Geburtstagsgrillfest des Platzwarts noch locker 60 000 Leute kommen, ist das Glas in Schwaben traditionell eher halb leer als halb voll. Nicht geschimpft ist genug gelobt. Diese Mentalität, die sich bis auf die Sportplätze der Kreisligen durchzieht, ist natürlich ein gefundenes Fressen für Gehässigkeiten wie die einer „Spiegel-Online“-Autorin aus dem Jahre 2001:

„Schwäbische Fußballunterhaltung geht nämlich so: Drei Schwaben sitzen auf der Haupttribüne, gerade ist die zweite Halbzeit angepfiffen und der Ausgleich für den VfB gefallen. Da sind die Schwaben kurz baff und schweigen beleidigt. Dann kommt der vierte Schwabe vom Würstchenholen und fragt: ‚Was passiert?‘ Sagt einer: ‚Ausgleich geschossen.‘ Fragt die Bratwurst: ‚Wer?‘ Sagt ein anderer: ‚Ganea.‘ Sagt die Bratwurst: ‚Der Blinde.'“

Chapeau! Da muss ich heute noch drüber lachen (wobei es in diesem konkreten Fall durchaus gute Gründe für die Meinung der Bratwurst gab). „Spiegel Online“ findet aber:

„Das ist keine Spur ironisch, da steckt kein Hauch Zuneigung drin, von stillem Glück oder einem Funken Hoffnung ganz zu schweigen. So sind Schwaben.“

Was den VfB betrifft überwiegt also Häme und wahlweise gepflegtes Desinteresse in der Fußballwelt nördlich von Bietigheim-Bissingen. Im Netz findet man abseits der Foren, in denen 14-Jährige dutzendfach allwöchentlich ihre Wunschaufstellung posten (das hätte ich als 14-Jähriger wohl auch gemacht) und virtuelle Fahnen schwenken (das hätte ich hoffentlich nicht gemacht), auch nicht allzu viel Spannendes zu finden. Aber ein bisschen was schon. Zwar haben wir keinen Nick Hornby in unseren Reihen, aber doch immerhin einen fleißigen und eloquenten Blogger namens „Heinz Kamke“, der so gut wie nach jedem Spieltag seine lesenswerten Gedanken rund um den VfB kreisen lässt und sogar noch vom Bodensee kommt, falls das Impressum noch aktuell ist.

Dass auch da zuweilen die unerfüllte Sehnsucht auf bessere Zeiten zwischen den Zeilen hervortrieft, ist halt der tristen Realität geschuldet. Wenn die Nürnberger ihren „Glubb“ liebevoll-kauzig als „Depp“ bezeichnen, Ja was bitteschön ist dann der VfB? Ein Volldepp. 2007 auf dem Gipfel, die Bayern abserviert, Schalke in Tränen gestürzt, Meister, der Himmel voller Geigen, Champions League, olé olé. Und jetzt? Abstiegskampf, schon wieder am Abgrund zur Holzklasse, zur zweiten Liga. „Come to me“, ätzen voller Vorfreude der SV Sandhausen, Erzgebirge Aue und der FC Ingolstadt in fieser Eintracht. WTF!? Und das Schlimmste: Ich wäre voll mit dabei gewesen. Hätte einen schlimmen Karriereknick hinnehmen müssen mit meiner weißen, noch durch keinen Abstieg befleckten Fan-Weste. Hätte mithelfen müssen, den „Unfall zu reparieren“, wie man so unschön sagt. Denn mein Vertrag mit dem VfB gilt auch für Liga zwo. Ohne Ausstiegsklausel. Prädikat: Unverkäuflich.

Ich kann mich also nicht aus dem Staub machen wie einst Gomez und Co. Da können Vereine wie der BVB, St. Pauli oder der SC Freiburg noch so verlockende Angebote auf den Tisch legen und noch so sympathisch daherkommen wollen, da kann einen der große FC Bayern noch so sehr mit Titelgarantien und Rekordserien verführen. Seinen Verein wechselt man nicht. Und den VfB schon gar nicht. Auch nicht ein bisschen. Nicht mal inmitten eines Albtraumes, in dem sich Moderator Jörg Dahlmann und Experte Peter Neururer vom Zweitligasender „Sport 1“ zum Montagabendlivekick des VfB aus dem Stadion in Heidenheim melden. Zum Knallermatch der Woche, zum Schwabenderby in der Unterklasse. Und beim frühen 0:1-Rückstand des VfB höhnt Dahlmann: „Ja, was machen die denn da?“ Ja, verdammt, was machen die denn da? Ich drehe durch. Und erst als sich Hansi Müller und Karlheinz Förster hinter dem Tor warmlaufen und Christoph Daum in der Coaching Zone aktiv wird, merke ich was und wache schweißgebadet auf. Ein Blick auf die Tabelle zeigt mir: Wir sind dem Teufel noch einmal von der Schippe gesprungen. Not hat gegen Elend triumphiert. Wir haben es geschafft. Klassenerhalt.

Die Scheiß-Superduperduper-Bayern können uns heute am letzten Spieltag abschlachten und mit 1:12 nach Hause schicken (und damit mit dem exakten Ergebnis, wie ich damals bei meinem C-Jugend-Debüt gegen einen ebenso namhaften Gegner untergegangen bin). Egal. Wir sind gerettet. Warum, weiß keiner so genau, an den 32 Pünktchen kann‘s nicht liegen. Ich muss da mal bei Gelegenheit in Hamburg, Braunschweig oder bei meinem Nürnberger Kumpel nachfragen. Aber es ist zu befürchten: Nochmal geht das nicht gut.

Das weiß bestimmt auch der Hansi Müller. Ob er heute in München zum Saisonfinale im Stadion sitzt, weiß ich nicht. Wahrscheinlich verteilt er eher Flyer beim Infostand auf dem Edeka-Parkplatz in Korb. Dort steht das Gemeinderatsmitglied in spe nämlich auf der gemeinsamen Liste von CDU und Freie Wähler zur Kommunalwahl in zwei Wochen. Dann kämpft der einstige Ausnahmekicker und Poster-Boy nicht mehr gegen die beinharten Vorstopper des Gegners, sondern gegen Windräder.