The Soul of Drum&Bass: Marcus Intalex ist tot

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Persönlich bin ich ihm nie begegnet, und ich habe ihn tatsächlich in all den Jahren kein einziges Mal live bei einem DJ-Auftritt erlebt. Obwohl sein Sound immer genau mein Ding war und er zu „Basslastic“-Zeiten auf unserem Booking-Wunschzettel ja durchaus immer ganz weit oben stand. Irgendwie kam es halt leider nie dazu. Aber trotzdem war Marcus Intalex bei jeder Party – spätestens so ungefähr ab der Jahrtausendwende – mit dabei. Auf Vinyl, in Form seiner eigenen Produktionen und der unzähligen Klassiker aus der Schmiede seines Premium-Labels „Soul:R“, die aus unseren Plattenkisten gar nicht mehr wegzudenken waren.

Da, wo Marcus Intalex oder eines seiner Pseudonyme und Projektnamen, von M.I.S.T. über Mist:i:cal bis hin zu seinem Techno-Alias Trevino, drauf stand, war Qualität drin. Zeitlose Qualität. Soul:R-Platten sortierte man niemals aus, man stellte sie höchstens mal vorübergehend ins Archiv, um sie allesamt irgendwann wieder neu zu entdecken. „My Soul“, „Outerspace“, „Lover“, „Sunshine“, „Wide Eyes“, die „Midnight“-, „LK“-, „Born to Die“- und Wasweißichnoch-Remixes … Ohne Marcus Intalex, seine Tracks und sein Label aus der traditionellen englischen Rave-Brutstätte Manchester wäre Drum & Bass um so viele Perlen und – Nomen est omen – um jede Menge Soul ärmer.

In den frühen Nuller-Jahren mischte er den Liquid Funk auf, sorgte mit locker-flockigen Ohrwürmern für sonnige Vibes auf den Tanzflächen und fixte damit so manchen begeisterten Quereinsteiger mit Drum&Bass erst an. Doch auch später war er mit seinen minimalistischer werdenden Tracks immer ganz vorne mit dabei. Bei Soul:R war der Lack nie ab. Man verfing sich niemals im Hype um das nächste große Ding, sondern blieb stets Triebfeder eines erwachsenen und im besten Sinne deepen Drum&Bass: musikalisch, unaufgeregt, ernsthaft, klar, frisch und oftmals brillant. Mal sphärisch-elektroid daher kommend, ohne Scheu über den Tellerrand rüber nach Detroit schielend, mal als knochentrockene Roller mit strammen Beats, einem Amen-Break oder mit Reggae-Flavour: Marcus Intalex beherrschte mit großer Eleganz und einem guten Gespür für Sounds und Stimmungen die ganze Drum&Bass-Klaviatur. Seine Tracks funktionieren im Wohnzimmer und auf dem Dancefloor gleichermaßen – und das mit Stil und ganz ohne einen auf dicke Hose zu machen.

Er war kein schillerndes Gesicht des Genres wie Goldie, aber vielleicht so etwas wie seine musikalische Seele, zumindest aber eine seiner Ikonen. Am vergangenen Wochenende ist der Produzent, DJ und Labelmacher Marcus Kaye alias Marcus Intalex gestorben.

Tschernobyl: Als die Wolke kam

30 Jahre Tschernobyl
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Ich saß in der Schule, als die Wolke kam. Mein Nebensitzer raunte mir irgendwas zu, von wegen Radioaktivität, Strahlung, Unfall bei den Sowjets und so. Und dann sah ich es auch in den Nachrichten. Da musste wohl was Krasses passiert sein. Aber nix Genaues wusste man nicht. Noch nicht. Der eiserne Vorhang ließ zwar die Wolke durch, bei Infos hielt er dicht. Mangels Twitter & Co. dauerte es also eine halbe Ewigkeit, ehe dann jeder begriff, dass da in Tschernobyl nicht nur ein Sack Reis umgefallen war, sondern ein Super-GAU gerade halb Europa verstrahlt hatte.

Als Kind hatte ich ja immer schreckliche Angst vorm Atomkrieg, aber dass die Scheiße auch ganz ohne Bombe zu einem kommen kann, damit rechnete ich nicht. Irgendwie kann das ja nicht so sicher sein mit diesen Dingern, oder? Irgendwie ist Atomkraft doch saugefährlich? Dachten jetzt jedenfalls die meisten. Auch die, die keine „Nein danke“ Bäpper hinten auf dem Auto hatten. Nur unser Physiklehrer nicht. Atomkraft? Saubere Sache, ereiferte der sich. Und total sicher. Nur die doofen Russen können halt nix. Zuviel Wodka am Steuerknüppel und so. Und sowieso: Es heiße nicht Atomkraft, sondern Kernkraft. Das möchte er doch mal klargestellt haben. Was er damit genau sagen wollte und was solche Spitzfindigkeiten an der Gesamtsituation ändern würden, weiß ich bis heute nicht.

Aber ich habe generell nicht allzu viel von dem verstanden, was er da vorne immer so erzählt hat. Hoffentlich komme ich nie in eine Situation, dass ich alleine im Schaltraum eines havarierten Atom- , tschuldigung, Kernkraftwerkes sitze, das Schicksal der Welt von mir abhängt und es sich bitterlich rächt, dass mir einfach die Physik-Basics fehlen. Sorry, aber das Zeug war mir halt zu technisch, könnte man sagen. Ich habe lieber meine Energie darauf verwendet, liebevoll das VfB-Wappen in den verschiedensten Varianten in die ollen Holzbänke des Physiksaals einzutätowieren.

Apropos VfB Stuttgart. Mein guter alter Lieblingsverein stand ja ein paar Tage nach Tschernobyl im DFB-Pokalfinale und kriegte dort mit 2:5 von den Bayern eins auf die Mütze (Tore: Buchwald und Klinsmann). Ich weiß das genau, weil ich am selben Tag – ein paar Stunden früher – mit der Jugendmannschaft meines Dorfklubs von der Jugendmannschaft eines anderen Dorfklubs auch eins auf die Mütze bekommen hatte – mit ähnlich deutlichem Ergebnis. Und in der Pause des Spiels saßen wir da halt so rum auf dem satt-grün-strahlenden Rasen, den zuvor die radioaktive Wolke aus dem Osten so schön begossen hatte, und dachten nix Böses.

Was das alles bedeutete und wie schlimm es wirklich war, kam ja erst ganz allmählich raus. Bei denen in der Ukraine sowieso, aber auch bei uns. In der Zeitung stand, man könne nicht mehr alles essen, meine Oma ließ ihr Gartengemüse mit dem Geigerzähler checken und dann hieß es auch noch: Der Bua darf heut net ins Fußballtraining. Und spätestens da habe ich begriffen, was das mit der Atomkraft für eine Riesensauerei ist. Komischerweise musste 25 Jahre später erst noch ein japanischer Reaktor hochgehen, bis es dann jedem klar war – außer meinem Physiklehrer wahrscheinlich.

Nachruf: James Last

Happyning

Es gibt ja diesen typischen Einstieg bei vielen Musiker- und DJ-Biografien, die dem Leser klarmachen sollen: hey, der Typ war schon immer eine coole Socke. Also Floskeln wie „schon von klein auf Kraftwerk-Fan gewesen“, „als Siebenjähriger auf Jungle-Tapes aus London abgefahren“ oder „groß geworden in einem besetzten Haus mit lauter Punkrockern und Performancekünstlern“. Bei mir würde da eher stehen: „Hat früh schon die väterliche James-Last-Plattensammlung in den Händen gehabt.“ In erster Linie wegen der Cover natürlich, aber auch den Sound fand ich als Steppke nicht übel.

Auch wenn sich unsere musikalischen Wege irgendwann weitestgehend trennten und nur punktuell das eine oder andere Mal wieder kreuzen sollten (Stichwort „Happy Brasilia!“): Hans (James) Last, der Meister des „Happy Sounds“ und der „Non Stop Dancing“ Scheiben, der Godfather des Easy Listening,  ist für mich immer der korrekte Bandleader schlechthin geblieben (deutlich vor Max Greger).

Last hat in seiner Karriere ungefähr 499 LPs aufgenommen und davon unglaublich viele Kopien verkauft, war trotzdem zwischendurch fast pleite, hat aber die Kurve gekriegt und sein Häuschen in Florida behalten können. Bis zuletzt stand er mit seiner Big Band auf der Bühne. Jetzt ist James Last gestorben.

Ihm zu Ehren: