Hefte raus, Semesterbeginn!

Semesterbeginn

Oktober, das heißt: Wintersemester-Start. Vor der einen oder anderen Dekade galt das auch für mich. Als „Ersti“ an der Uni Konstanz. Eintauchen ins Studentenleben und in eine neue spannende Welt. Aber kaum immatrikuliert, streikte man auch schon. Geil. Wenn ich mich richtig erinnere, ging es gegen die Bildungspolitik, gegen die Regierung und alles Schlechte auf der Welt.

Streiken statt studieren

Auf jeden Fall war mächtig was los: Streik-Café, Streik-Flyer, Streik-Shirts, Streik-Plakate, Streik-Demo, Streik-Vorlesungen auf der Bodensee-Fähre. Großes Politkino und richtig Stimmung bei den Sonderversammlungen im Audimax. Vorne die auf Krawall gebürsteten AStA-Typen, die immer wieder „Konstanz“ schrien, also Konschtanz ohne „sch“. Und an den Ausgängen im Pullunder, mit geschniegeltem Haar und verächtlich blickend: die Jungs vom RCDS. Heute würden beide Seiten wahrscheinlich gemeinsam in der Mensa hocken und große Koalitionen schmieden, aber damals waren die Linien zwischen Gut und Böse halt noch ganz klar abgesteckt. Unter Studenten sowieso. Bei VWLern musst du aufpassen, so die Warnung, und die Juristen – um Gottes willen! Die verstecken in der Bibliothek gegenseitig die Bücher und reißen aus purem Karrierestreben prüfungsrelevante Seiten aus den Gesetzesbänden raus. Soweit die hartnäckigen Gerüchte. Und ehrlich gesagt: Ich zweifelte nie an ihrem Wahrheitsgehalt.

Unendliche Weiten: die Uni-Bib.
Unendliche Weiten: die Uni-Bücherei. Foto: Wikimedia Commons

Im Labyrinth der Uni-Bib

Apropos Bib. Unendliche Reihen von ungelesenen Büchern. Ein mehrstöckiges Labyrinth, in dem das gesamte nützliche und unnütze Wissen der Menschheit zu stecken schien. Manchmal, auf der Suche nach einem Essay in einem uralten englischsprachigen Philosophie-Schinken schickte einen die Bib-Suchmaschine in Etagen und Gänge, die zuvor offenbar noch nie ein Mensch gesehen und betreten hatte. Und dann, angekommen in diesem letzten gottverlassenen Winkel der Uni-Bibliothek: Totenstille. Jetzt sterben, so fuhr es einem durch den Kopf, und deine Überreste findet erst wieder ein Student im Wintersemester 2027/28, der sich bei der Fahndung nach einem mutwillig umsortierten Juristenbuch an die Stelle des Grauens verirrt.

Giftalarm!

Aber ich wäre dann in jedem Fall doch viel früher aufgefunden worden. Spätestens um das Jahr 2010 herum, als sich ein Anti-Asbest-Trupp daran machte, sämtliche Bücher zu evakuieren und Seite um Seite von giftigen Rückständen zu säubern. Diese Bib-Reiniger hätten meine Gebeine wohl einfach mit in einen Plastiksack gesteckt, mitsamt dem Habermas-Wälzer im Regal über mir, und dann entseucht. War eine Riesenaktion, die Sanierung. Seit diesem Mai erst ist die Uni-Bücherei wieder komplett eröffnet. Und jetzt: alles clean und topmodern. Wow!

Die neue Uni-Bib
Kein Weltraumbahnhof, sondern die neue Uni-Bib. Foto: Uni Konstanz

Sieben Jahre hat die Sanierung gedauert. Sieben Jahre! Eine Zeit, in der man früher so allmählich alle Scheine fürs Grundstudium zusammen hatte. Der Student von heute packt da locker drei Bachelorstudiengänge inklusive Auslandspraktika und halber Masterarbeit rein, und ein Assessment Center beim Weltkonzern seiner Wahl obendrauf. Hab ich alles nicht gemacht. Dafür eine Menge Party. Und Plakate gepinselt. Zwar nicht für die Revolution oder den nächsten Streik. Aber immerhin für mit die besten Clubnächte der Stadt. Und zur Magisterarbeit hat‘s doch auch gereicht. Die hab ich zwanzig Minuten vor der Deadline und nach 48 Stunden ohne Schlaf abgeliefert. Ob‘s den Typ vom Prüfungsamt noch gibt? Der sah sympathischer Weise so gar nicht nach Uni aus und hatte einen Schalke-Wimpel im Büro hängen, was ich ihm unter diesen Umständen nicht mal übel genommen habe. Google sagt: Es gibt ihn tatsächlich noch!

In der akademischen Gruft

Mein Philosophie-Professor dagegen ist weg emeritiert, außer sie haben ihn in seinem Büro vergessen. Da musste ich einmal notgedrungen hin. Er residierte in einem Zimmer, wie es sich Kafka nicht hätte besser ausdenken können. Das Tageslicht hatte trotz fünf Meter langer Fensterfront gen Süden nicht die geringste Chance, durch die deckenhoch gestapelten Türme aus Büchern, Ordnern, Mappen und losen Manuskripten zu dringen. Alter Staub und der Geruch eines exorbitanten Intelligenzquotienten lagen in der Luft. Irgendwo mittendrin in dieser akademischen Vorhölle erahnte ich eine menschliche Kreatur, die mein Prof sein musste. Jedenfalls sprach aus dem Dunkel in schlauen Worten ein Schatten mit mir, griff in einen riesigen Papierberg – der im Widerspruch zu sämtlichen physikalischen Gesetzen sein Gleichgewicht beibehielt – und händigte mir meine korrigierte Hausarbeit aus.

Hörsaal
Drinnen Statistik, draußen Sonne: das übliche Sommersemester-Dilemma. Foto: Uni Konstanz

Sonne statt Statistik

Nun aber schnell wieder raus an die Sonne. Die war im Sommersemester so toll, dass die Frage Statistik-Vorlesung oder Chillen auf der Uni-Terrasse schnell beantwortet war. Und so hatte man schon Anfang Mai einen Teint beieinander, für den VWL-Studenten ein Abo im Sonnenstudio benötigten.

Ach, Uni Konstanz. Ich muss unbedingt mal wieder hin, müsste noch Resteguthaben auf meinen Kopier- und Mensakarten haben. Und ich könnte bei der Gelegenheit nachschauen, ob meine Magisterarbeit noch ordentlich im Regal im Buchbereich SOZ steht. Aber davon ist eigentlich auszugehen, denn ein Jurastudent hat die sicher noch nie vor einem Rivalen verstecken müssen.

Vinylgeschichten: U2 – Achtung Baby

U2. Der, die, das U2? Ernsthaft? Ja, ich weiß, so uncool wie oben bei Mutti. Keine Band zum Liebhaben. Sogar Beate Z. soll die ja hören. U2, das sind üble Steuerflüchtlinge, so sagen böse Zungen, die einem ungefragt, so sagen es die Fakten, ihr Album in die iTunes-Playlist schmuggeln. Und als Frontmann ein zwiespältiger Typ mit Lederjacke, Sonnenbrille und fiesem Joker-Grinsen: Bono. Früher auch: Bono Vox. Nicht gerade der Sympathiebolzen unter den Rockstars, womöglich scheinheilig, zumindest aber fragwürdig in seinem Nebenjob als Weltverbesserer und vielleicht sogar tatsächlich – so meinte er angeblich selbst einmal über sich – nur „ein Arschloch in einem dicken Mercedes“. Aber stopp. Bono blöd finden kann jeder. Der Gute kriegt woanders schon genug sein Fett weg, und den besten Bono-Witz weiß ohnehin die „ZEIT“:

„Sagt Bono zum Konzertpublikum: ‚Jedes Mal, wenn ich in die Hände klatsche, stirbt in Afrika ein Kind.‘ Da ruft einer aus der Menge: ‚Dann hör doch endlich auf zu klatschen.‘ Lustig, oder?“

Definitiv. Und schon sind wir heillos mittendrin in einem Text über Bono und seine Kapelle. Wie Thomas Magnum schon sagte: „Ich weiß, was Sie jetzt denken. Und Sie haben Recht. Aber…“
Und das große Aber hört eben auf den Namen „Achtung Baby“. Eine Platte, mit der sich mal jemand so richtig neu erfunden hat. Revolution? Na ja, so ein bisschen schon. Schließlich standen die 1980er-Jahre-U2 zuvor für hemdsärmeligen Predigerrock mit viel altgebackenem Pathos. Und nun war 1991. Und plötzlich groovte das wie die Sau. Erste Single aus dem Album war „The Fly“ und machte gleich klar, wohin die Reise hingeht. Im Radio gehört und Klötze gestaunt. U2?  WTF. Beats. Filter. U-wou-wou-wou. Bono singt durch die Gießkanne, und der Edge hat sich einen Haufen neuer Effektgeräte für seine Klampfe zugelegt.

Also ich fand das sofort klasse. Aber ich war vorher ja auch kein U2 Fan gewesen. Denn die nahmen „The Fly“ & Co. echt persönlich. Fassungslosigkeit machte sich breit. Eben war doch noch alles gut, und jetzt das? Pausengespräch Nummer eins auf dem Gymi bei uns: „Hosch g‘hert? U2 machet jetzt Dance-Mucke. Scheiße!“ Ja, scheiße, aber ziemlich gute Scheiße. Und schon auch mutig. Hätte ja schiefgehen können. Die eine oder andere S-Klasse hätte Bonos Sparschwein sicher trotzdem noch hergegeben (wie wir wissen, hat er ja einen kreativen Steuerberater). Aber ein Karriereknick war möglich.

Statt Knick wurde „Achtung Baby“ ein Klassiker. Und Bestseller. Obwohl nicht alles darauf die alten U2 gänzlich verleugnete und sowieso auch nicht alles „Dance-Mucke“ war. Bestes Beispiel dafür: „One“, ein wahrer Blockbuster der Melancholie, der – zeitlos balladesk – zum musikalischen Denkmal wurde. Echte Gefühle. Lief damals in zwei verschiedenen Videoversionen auf MTV rauf und runter. Einmal mit rennenden Bisons in Zeitlupe, einmal mit Bono, unbebrillt, rauchend und sinnierend im Pub. Mega.

Klar ist aber auch: Für eine umfassendere U2-Laudatio bin ich der falsche Mann. Außer „Achtung Baby“ (seinerzeit mangels Plattenspieler zuerst auf CD gekauft) ist meine Vinylsammlung U2-mäßig nämlich schlecht bestückt. Nicht mal das nahtlos daran anknüpfende Nachfolger-Album „Zooropa“ findet sich da. Moment. „With or Without You“ habe ich noch auf 7“-Single. Warum? Keine Ahnung. Wirklich nicht. Und ich meine mich zu erinnern, in Dublin für kleines Geld mal einen inoffiziellen U2-Konzertmitschnitt auf Kassette erstanden zu haben. Mit dem Zeug aus der alten Ära drauf. Stoff für eine U2-Vinylgeschichte lieferte aber nur diese eine Scheibe.

  • Faktencheck:
    Titel: „Achtung Baby“
    Interpret: U2
    Label: Island Records
    Pressung: 1991
    Bezugsquelle: Discogs
    Genre: Fleischfliegen-Pop, Alternative Rock
    Platz im Plattenregal: zwischen Simple Minds und EMF
    Nerd-Faktor: so gering wie Bonos Körpergröße
    Angeber-Faktor: aber hallo, immerhin Originalpressung
    Musikalischer Anspruch: immer noch hoch, Baby
    Anspieltipp: „The Fly“, „One“
    Wert laut discogs.com: zwischen 25 und 57 Euro

Get up, stand up!

„Papa, ich will ne Yacht.“ Trifft sich gut, schließlich ist gerade quasi vor der Haustüre die Interboot. Da wird sich ja wohl ein Schnäppchen finden lassen. Hier trifft der kleine auf den großen Geldbeutel. Hier wird das rabattierte Bodyboard für schlappe 30 Euro gleich neben dem Millionendampfer feilgeboten. Und nebenbei erfährt der Interboot-Besucher schon jetzt, was die Saison 2018 in puncto Wassersport so bringen wird. Zum einen: Elektromobilität! E-Yachten, stark im Kommen. Und der Megatrend überhaupt: Foilen!

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Vinylgeschichten: Jovanotti – La Mia Moto

Urlaub? Italien. Und das schon seit ich denken kann. Tauern-Autobahn, Villach, Udine, und dann auf dem schnellsten Weg zur Adria. Klar geht‘s da in erster Linie um Strand und Meer. Aber ein magischer Ort fand sich nach der Dämmerung auch auf der Einkaufsmeile des Ferienortes. Zwischen Eisdielen und Schuhläden versteckt: ein kleines aber feines HiFi-Fachgeschäft, das von der Knopfbatterie übern Walkman bis hin zum amtlichen Ghettoblaster die wichtigsten Utensilien zeitgenössischer Unterhaltungselektronik im Angebot hatte. Dazu gab es einen Haufen Merchandising-Kram. Band-T-Shirts, Schweißbänder, Fahnen und Poster mit irgendeinem Blödsinn drauf – wie ein Riesenadler vor dem amerikanischen Sternenbanner oder Trucks im Sonnenuntergang. Dinge, die Jungs der Achtziger halt beeindruckten. Und nicht zu vergessen: Tonträger.

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