Vinylgeschichten: Tag des Plattenladens


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Es gibt ja inzwischen für so ziemlich alles einen Gedenk- oder Aktionstag im Jahreskalender: für die Rückengesundheit, ein sicheres Internet, für Schildkröten und – man höre und staune – auch einen für den Plattenladen. Also nicht für iTunes oder Amazon, sondern die echten Plattenläden. Jene gallischen Dörfer des Einzelhandels, in denen, frei nach Nick Hornby, Soul in der vorletzten Reihe gleich neben dem Blues steht. Und da der unabhängige Plattenladen um die Ecke inzwischen ja ziemlich rar geworden ist, ehrt ihn der alljährliche Record Store Day – so wie jetzt am vergangenen Samstag.

Ich muss gestehen, auch selbst schon länger nicht mehr in einem solchen gewesen zu sein und mir stattdessen das Zeug lieber per Mailorder schicken zu lassen. Das ist bequem, aber ohne Flair. Schließlich fehlt das ganze Drumherum, das einen Plattenladen so ausmacht. Leute treffen, über Partys reden, Flyer checken und gleichzeitig in bester Sammler-Manier „Spähen, Jagen, Erlegen“, wie es der letztjährige deutsche Record-Store-Day-Botschafter Thees Uhlmann auf den Punkt bringt: „Die Trophäen nach Hause tragen, das Besondere wertschätzen und das in der schönsten Form, wie man Musik wohl konsumieren kann: Vinyl!“ Da hat der Mann natürlich vollkommen recht. Musikkauf ist Vertrauenssache, und das Wohlwollen des Vinyldealers will erarbeitet werden. Doch bis zum Premiumstatus, dem eigenen Zurücklegefach hinterm Tresen, ist es ein langer Weg.

Für einen, der in der schwäbischen Provinz groß wurde, begann dieser nicht im coolen Indie-Laden mit Szenegeruch, sondern im lokalen Elektro- und TV-Fachhandel (auch so eine aussterbende Gattung). Dort gab es Tapes von Depeche Mode bis Udo Jürgens, natürlich auch ein paar CDs und eine Vinylkiste, in der Modern Talking einträchtig neben Bruce Springsteen, Tina Turner, Grace Jones und Geier Sturzflug stand. Neuerscheinungen hingen – mit Wäscheklammern befestigt – an einer Nylonschnur im Schaufester hoch über den neuesten Röhrenfernsehern, Stereoanlagen, Heimcomputern, VHS-Rekordern und Atari-Konsolen. Anhörmöglichkeiten gab es selbstverständlich keine. Schließlich waren die meisten der Compilations „bekannt aus Funk und Fernsehen“. Und LPs kaufte man entweder, weil man auf dem Schulhof schon eine Kassette davon in die Hand gedrückt bekommen hatte, ein Videoclip dazu bei Formel eins lief oder eben blind.

Als nach Jahren ausschließlichen Tape-Hörens dann endlich eine Philips-Kompaktanlage mit Plattenspieler ins Kinderzimmer eingezogen war, erstand ich also in jenem Laden für nicht mal 20 Mark meine erste selbstgekaufte Vinylplatte. In meiner Erinnerung zanken sich Bon Jovis „Slippery when wet“ und a-has „Scoundrel Days“ um diesen Status – und ich hoffe ja inständig, es war letztere, befürchte aber Schlimmeres.

Den nächstbesten „richtigen“ Record Store hatte dann die nahe Kreisstadt zu bieten. Ein kleines, dunkles und vollgestopftes Loch. Nach den sympathischen TV-Mechanikern vom Dorf standen einem hier langhaarige Rocker und Techno-Typen gegenüber, die sich in der Regel für unheimlich schlau hielten und in Sachen Musikgeschmack und Qualität ihres Sortiments nicht groß mit sich reden ließen. Eine bestimmte Platte bestellen? „Ich kann‘s probieren“ war die Antwort, was so viel hieß wie: Kauf gefälligst das, was wir da haben, du Vogel, oder fahr halt gleich nach Stuttgart. Was man dann auch getan hat.

Langsam aber heftig war die Sehnsucht nach zeitgenössischer Clubmusik erwacht, und so wurde die regelmäßige Pilgerfahrt per Bummelzug in die Landeshauptstadt Pflicht, um sich mit dem heißesten Scheiß einzudecken und das Vinyl in prall gefüllten Jutetaschen aus der großen weiten Welt nach Hause zu holen. Natürlich war es völlig uncool, samstagmorgens nicht selten schon vor der verschlossenen Ladentür herumzulungern, noch ehe der Besitzer übermüdet daher geschlurft kam. Aber im Gegensatz zu den hippen Großstädtern waren wir ausgeschlafen und zudem fest entschlossen, unser Taschengeld voll und ganz in Beats aus dem nächsten Jahrtausend zu investieren. Und da standen sie nun zuhauf, die Scheiben, die das Fan-Herz höher schlagen ließen. Jetzt sich bloß beim Probehören nicht anmerken lassen, dass einem die lässige Bedienung eines Technics-Tonarmes noch nicht unbedingt so sehr in Fleisch und Blut übergegangen war wie dem routinierten House-DJ am Anhörplatz nebenan. Und beim Rausgehen nicht vergessen, die kopierten Handzettel aus der Provinz schnell noch heimlich unter die teuren Hochglanzflyer der Szeneclubs zu mischen, bis man dann später endlich den ersten ordentlich gedruckten Flyer mit seinem Namen drauf dabei haben sollte.

Obwohl also die Nahversorgung in Sachen Tonträger gut funktionierte und Mailorderkataloge den Restbedarf abdeckten, waren gelegentliche Shoppingtrips nach London ins gelobte Vinylland natürlich das Nonplusultra. Noch mehr Läden, noch mehr Platten, noch mehr Entdeckungen. Noch mehr rausgeschmissenes Geld. Das trug man dann lieber in den geliebten Ravensburger Soundcircus:

Und als es den nicht mehr gab (schief): ins Internet. Dort stehen sie alle, die raren Scheiben, nach denen man in Listen, Second-Hand-Läden und auf Flohmärkten immer gefahndet hat. Und jetzt ist es nur eine Frage des Preises, und sie sind Dein. Theoretisch zum Beispiel auch jene Boards-of-Canada-Platte, die man seinerzeit schon in den Händen hatte, aber die Gelegenheit verstreichen ließ, und die jetzt ab achtzig Euro aufwärts bei Discogs feil geboten wird. Vielleicht sogar von einem Seller, der die Konkursmasse eines dicht gemachten Plattenladens aufgekauft hat.

Ach ja, den Fachhändler daheim gibt es übrigens heute noch. Er gehört jetzt zu einer der üblichen Elektronikketten. Vinyl führt er natürlich schon lange nicht mehr, wahrscheinlich nicht mal mehr CDs. Dafür vercheckt er neben Flachbildglotzen und MP3-Playern auch Strom- und Handyverträge. So ist das eben. In diesem Sinne zum Record Store Day: Alles Gute, liebe Plattenläden!

1 Gedanke zu “Vinylgeschichten: Tag des Plattenladens

  1. Meiner Meinung nach solltest in Deutschland viele Plattenläden geben, auch wenn ich mit dieser Meinung zu einer der wenigen zähle finde ich es doch richtig dieses für mich Kultur gut am Leben zu erhalten.

    Ich finde es auch immer wieder toll einfach einen Plattenladen zu gehen und somit fast in eine andere Zeit zu flüchten! Finde die Atmosphäre im Plattenläden einfach klasse und von daher ein großes hoch auf die Plattenläden 🙂

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