Vinylgeschichten: U2 – Achtung Baby

U2. Der, die, das U2? Ernsthaft? Ja, ich weiß, so uncool wie oben bei Mutti. Keine Band zum Liebhaben. Sogar Beate Z. soll die ja hören. U2, das sind üble Steuerflüchtlinge, so sagen böse Zungen, die einem ungefragt, so sagen es die Fakten, ihr Album in die iTunes-Playlist schmuggeln. Und als Frontmann ein zwiespältiger Typ mit Lederjacke, Sonnenbrille und fiesem Joker-Grinsen: Bono. Früher auch: Bono Vox. Nicht gerade der Sympathiebolzen unter den Rockstars, womöglich scheinheilig, zumindest aber fragwürdig in seinem Nebenjob als Weltverbesserer und vielleicht sogar tatsächlich – so meinte er angeblich selbst einmal über sich – nur „ein Arschloch in einem dicken Mercedes“. Aber stopp. Bono blöd finden kann jeder. Der Gute kriegt woanders schon genug sein Fett weg, und den besten Bono-Witz weiß ohnehin die „ZEIT“:

„Sagt Bono zum Konzertpublikum: ‚Jedes Mal, wenn ich in die Hände klatsche, stirbt in Afrika ein Kind.‘ Da ruft einer aus der Menge: ‚Dann hör doch endlich auf zu klatschen.‘ Lustig, oder?“

Definitiv. Und schon sind wir heillos mittendrin in einem Text über Bono und seine Kapelle. Wie Thomas Magnum schon sagte: „Ich weiß, was Sie jetzt denken. Und Sie haben Recht. Aber…“
Und das große Aber hört eben auf den Namen „Achtung Baby“. Eine Platte, mit der sich mal jemand so richtig neu erfunden hat. Revolution? Na ja, so ein bisschen schon. Schließlich standen die 1980er-Jahre-U2 zuvor für hemdsärmeligen Predigerrock mit viel altgebackenem Pathos. Und nun war 1991. Und plötzlich groovte das wie die Sau. Erste Single aus dem Album war „The Fly“ und machte gleich klar, wohin die Reise hingeht. Im Radio gehört und Klötze gestaunt. U2?  WTF. Beats. Filter. U-wou-wou-wou. Bono singt durch die Gießkanne, und der Edge hat sich einen Haufen neuer Effektgeräte für seine Klampfe zugelegt.

Also ich fand das sofort klasse. Aber ich war vorher ja auch kein U2 Fan gewesen. Denn die nahmen „The Fly“ & Co. echt persönlich. Fassungslosigkeit machte sich breit. Eben war doch noch alles gut, und jetzt das? Pausengespräch Nummer eins auf dem Gymi bei uns: „Hosch g‘hert? U2 machet jetzt Dance-Mucke. Scheiße!“ Ja, scheiße, aber ziemlich gute Scheiße. Und schon auch mutig. Hätte ja schiefgehen können. Die eine oder andere S-Klasse hätte Bonos Sparschwein sicher trotzdem noch hergegeben (wie wir wissen, hat er ja einen kreativen Steuerberater). Aber ein Karriereknick war möglich.

Statt Knick wurde „Achtung Baby“ ein Klassiker. Und Bestseller. Obwohl nicht alles darauf die alten U2 gänzlich verleugnete und sowieso auch nicht alles „Dance-Mucke“ war. Bestes Beispiel dafür: „One“, ein wahrer Blockbuster der Melancholie, der – zeitlos balladesk – zum musikalischen Denkmal wurde. Echte Gefühle. Lief damals in zwei verschiedenen Videoversionen auf MTV rauf und runter. Einmal mit rennenden Bisons in Zeitlupe, einmal mit Bono, unbebrillt, rauchend und sinnierend im Pub. Mega.

Klar ist aber auch: Für eine umfassendere U2-Laudatio bin ich der falsche Mann. Außer „Achtung Baby“ (seinerzeit mangels Plattenspieler zuerst auf CD gekauft) ist meine Vinylsammlung U2-mäßig nämlich schlecht bestückt. Nicht mal das nahtlos daran anknüpfende Nachfolger-Album „Zooropa“ findet sich da. Moment. „With or Without You“ habe ich noch auf 7“-Single. Warum? Keine Ahnung. Wirklich nicht. Und ich meine mich zu erinnern, in Dublin für kleines Geld mal einen inoffiziellen U2-Konzertmitschnitt auf Kassette erstanden zu haben. Mit dem Zeug aus der alten Ära drauf. Stoff für eine U2-Vinylgeschichte lieferte aber nur diese eine Scheibe.

  • Faktencheck:
    Titel: „Achtung Baby“
    Interpret: U2
    Label: Island Records
    Pressung: 1991
    Bezugsquelle: Discogs
    Genre: Fleischfliegen-Pop, Alternative Rock
    Platz im Plattenregal: zwischen Simple Minds und EMF
    Nerd-Faktor: so gering wie Bonos Körpergröße
    Angeber-Faktor: aber hallo, immerhin Originalpressung
    Musikalischer Anspruch: immer noch hoch, Baby
    Anspieltipp: „The Fly“, „One“
    Wert laut discogs.com: zwischen 25 und 57 Euro

Vinylgeschichten: Jovanotti – La Mia Moto

Urlaub? Italien. Und das schon seit ich denken kann. Tauern-Autobahn, Villach, Udine, und dann auf dem schnellsten Weg zur Adria. Klar geht‘s da in erster Linie um Strand und Meer. Aber ein magischer Ort fand sich nach der Dämmerung auch auf der Einkaufsmeile des Ferienortes. Zwischen Eisdielen und Schuhläden versteckt: ein kleines aber feines HiFi-Fachgeschäft, das von der Knopfbatterie übern Walkman bis hin zum amtlichen Ghettoblaster die wichtigsten Utensilien zeitgenössischer Unterhaltungselektronik im Angebot hatte. Dazu gab es einen Haufen Merchandising-Kram. Band-T-Shirts, Schweißbänder, Fahnen und Poster mit irgendeinem Blödsinn drauf – wie ein Riesenadler vor dem amerikanischen Sternenbanner oder Trucks im Sonnenuntergang. Dinge, die Jungs der Achtziger halt beeindruckten. Und nicht zu vergessen: Tonträger.

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Wo warst Du, als Freddie Mercury starb

Michael Jackson visits Freddie Mercury backstage. Los Angeles 1980. (PRNewsFoto/Hollywood Records)
Foto: PRNewsFoto/Hollywood Records

Wo warst du eigentlich, als Michael Jackson starb?

Seltsamerweise ist diese Frage nach dem Tod vom Jacko ja zu einem Symbol dafür geworden, wie man heutzutage große Ereignisse aufnimmt und verarbeitet. „Wo warst du, als Michel Jackson starb, wird man noch in zehn Jahren fragen“, waren sich deshalb auch manche Medien sicher. Na, dann schaun mer mal.
Genau heute vor zwanzig Jahren, als Freddie Mercury starb, spielte diese Frage jedenfalls noch überhaupt keine Rolle. Die Welt tickte in dieser Prä-Echtzeit-Ära einfach noch etwas langsamer. Deshalb könnte ich heute auch gar nicht mehr sagen, wo ich denn damals war. Aber ich weiß wohl noch, wo ich es erfahren habe. Nix Twitter, nix Facebook, nix SMS, ganz schnöde per Mundpropaganda auf dem Schulhof, vorm Schwimmunterricht: Ey, Freddie Mercury ist tot. Ach was? Ja! Oh. Zuhause dann das volle Programm auf MTV. Ich glaube, die haben 48 Stunden lang nur Queen-Videos gespielt damals. Heute würden sie wohl nicht mal bei Ausbruch des 3. Weltkrieges ihren Mist unterbrechen. Aber damals war es das Nonstopthema bei Steve Blame und Co. Kurt Cobain mag zwar bekanntermaßen als „der erste MTV-Tote“ gelten, aber für mich war es – wenn auch in einem ganz anderen Sinne – eindeutig der Freddie.

Es gab dann ja auch dieses Mega-Tribute-Konzert im Londoner Wembley-Stadion, live übertragen im Radio und TV (ich hab das noch auf Tape irgendwo im Keller!) mit allem, was damals so angesagt war: von Guns’N’Roses über George Michael bis … Oh weh, über diese Keywords freut sich jetzt aber das Google-Ranking dieses Blogs, und zugegeben: Musikalisch gesehen passen Queen mit ihrem bombastisch-schwülstigen Stadionrock ja hier so gut rein wie Schminktipps oder Formel-1-Berichte. Und auch mein persönliches Verhältnis zu Queen war doch eher von neutraler Natur. Ehrlich gesagt bin ich auch noch nie einem richtigen Fan begegnet – außer meinem damaligen Musiklehrer, der es nach den Beatles dann fast noch geschafft hätte, mir auch das Queensche Repertoire durch Dauerbeschallung lebenslang so richtig zu versauen. Aber im Gegensatz zu den Beatles (war ein Geschenk) habe ich keine einzige Queen-Platte im Schrank, fällt mir gerade so auf.

Aber Zeitgeschichte ist eben Zeitgeschichte. Und deshalb als unser Beitrag zum Thema des Tages auch an dieser Stelle: Ruhe in Frieden, Freddie.
Dazu hätte jetzt ja als Lied der Woche ein schöner geschmackvoller Queen-Remix gepasst, aber find‘ da mal auf die Schnelle einen. Vielleicht gibt’s davon bald ja ne Menge, denn pünktlich zu Freddies 20. Todestag gibt es einen „Don’t stop me now“-Remixcontest für alle Hobbyproduzenten .
Bis da was Gescheites kommt, gibt’s jetzt eben „Under Pressure“, was man vielleicht als einen meiner Queen-Favoriten bezeichnen könnte, gesungen von Annie Lennox und David Bowie beim oben genannten Tribute-Konzert von 1992: