Hansi Müller ist schuld

HansiMueller

Wahrscheinlich lag es an Hansi Müller. Besser gesagt: An dem Hochglanzposter, das irgendwie in meinen Besitz gekommen war und das den einstigen Mittelfeldregisseur des VfB Stuttgart in dynamischer Pose auf dem Rasen des Neckarstadions zeigte. Sonst, wer weiß, wäre ich vielleicht ja auch HSV-Fan geworden und müsste heute um den Verbleib in der Bundesliga bangen. So wurde es – befeuert von ein paar Gratisbildchen vom lokalen Sportfachhandel und einem Trainingsbesuch mit dem Kinderferienprogramm – der VfB.

Im Endeffekt war Hansi Müller also nur ein Türöffner, aber ihn hier wegzulassen, wäre historisch falsch. „Kann Hansi was dafür, dass er so schön ist?“, soll der „kicker“ mal über ihn geschrieben haben – den „schönen Hansi“, den ersten Bravo-Posterboy aus Stuttgart, lange vor Max „Jesus von Benztown“ Herre. Müller hätte heute bestimmt viereinhalb Millionen Facebook-Fans. Mindestens. Ein Typ, der eher aussah wie ein Süditaliener als wie ein gebürtiger Schwabe und deshalb auch in vielen Mädchenzimmern über dem Bett hing – und der auf dem Platz ein Schöngeist war, umgeben von blutgrätschenden Raubeinen wie den Förster-Brüdern. Die verkörperten Fußball made in Germany in den Achtzigern. Hansi Müller, der Ästhet, blieb wie manch anderer seiner Generation immer so ein bisschen das unvollendete Genie. Klar, Europameister 1980, aber sonst nicht die ganz große Karriere hingelegt. 1982 verließ er den VfB wie so viele nach ihm in Richtung große weite Fußballwelt. Also in seinem Falle Inter Mailand (Italien, logisch!).

Und so war er längst weg, als es bei mir so richtig losging. Im Stadion. Cannstatter Kurve. B-Block. Ein Ort, vor dem uns unsere Eltern doch immer vehement gewarnt hatten. Dort stand man im Regen, damals noch gefühlte hundertfünfzig Meter vom Spielfeld entfernt, sah fast nix, und es roch nach Bier und jahrelang ungewaschenen Kutten. Man beschimpfte Bremer als stinkende Fische und alle anderen als Asoziale, die unter Brücken leben und in der Bahnhofsmission schlafen. Und nach einem Tor fielen einem wildfremde übergewichtige Männer mit Alkoholerfahrung und fettigen Haaren um den Hals. Aber das Glück, das sich für einen kurzen Moment in ihren Augen spiegelte. Das war‘s.

Und auf dem Platz irgendwo da unten in der Ferne standen Helden wie Karl „Wasenkarle“ Allgöwer, der Freistöße auch gerne mal aus 40 Metern in die Maschen drosch, Jürgen Klinsmann, der leicht fiel, aber immer so schön jubelte und privat ganz bescheiden Golf-Cabrio fuhr, humorlose Verteidiger wie Günther Schäfer, die einfach ihren Job machten, sympathische Grobmotoriker wie Guido Buchwald oder für das spielerische Element verantwortliche Akteure wie Matthias Sammer (mit Haaren). Der VfB, das waren aber auch Gestalten wie Gerhard Mayer-Vorfelder, Dieter Hundt, Egon Coordes oder Winfried Schäfer. Man nahm sie in Kauf. Und die Niederlagen gegen osteuropäische Klubs, die es wahrscheinlich gar nicht mehr gibt, die trostlosen Spiele im Herbstnieselregen im gähnend leeren Stadion gegen Bayer Uerdingen und den VfL Bochum auch, und wurde entschädigt durch legendäre Fallrückziehertore gegen Bayern, und manchmal sogar durch den einen oder anderen Titel, wenn denn mal Weihnachten und Ostern zusammenfiel.

VfB

Es hätte also schlimmer kommen können mit dem Fan-Dasein. Als Waldhof-Mannheim-Fan etwa, oder als Anhänger des 1. FC Köln oder Supporter von 1860 München oder Fortuna Düsseldorf. Vereine, die in Europa keine Sau kennt, würde der Kurvenfan singen. Zugegeben, uns kennt da so langsam auch keine Sau mehr. Und sowieso: Pop ist der VfB nie gewesen, bis auf Hansi natürlich. Und selbst der ist ja zumindest politisch eher konservativ gestrickt. Wie auch Angela-Merkel-Wahlkämpfer Afrob. Der gibt ja auch manchmal seinen Senf dazu, wenn man schnell mal einen VfB-Promi-Fan vors Mikrofon zerren muss und kein besserer da ist, weil Hartmut Engler gerade mit „Pur“ unterwegs ist. Aber Afrob und Engler sind nicht Campino (Düsseldorf) oder Herbert Grönemeyer (Bochum) oder der dicke „Tatort“-Kommissar da (St. Pauli). Und die Fantastischen Vier zählen nicht. Von daher wird’s wohl nie was werden mit der glamourösen VfB-Weltherrschaft.

Aber dem Graue-Maus-Ding kann man ja durchaus auch etwas abgewinnen, wie es mal vor ein paar Jahren ein Journalist bei seiner Liebeserklärung an den VfB seinem Outing als VfB-Fan auf den Punkt brachte:

„Nein, der VfB ist anders. Er ist herrlich normal. So normal wie kein anderer Verein in der Bundesliga, behaupte ich mal. Hier muss man sich keine Sorgen machen, dass der Verein auf Dauer in der Spitze mitspielen wird. Der VfB wird sich aber dauerhaft in der oberen Hälfte halten, so viel ist sicher. Jede zweite Saison Uefa-Cup, alle zehn Jahre Meister – um danach wieder schön ins Mittelfeld abzustürzen.“

Jedem Frühling folgen also zwei nasskalte Herbste, um dann einmal im Jahrzehnt, wenn die Sterne günstig stehen, wie aus dem Nichts die Meisterschale zu holen. 1984, 1992, 2007. Große Gefühle für einen VfB-Fan, der ligaweit eher als Bruddler gilt. Während in Dortmund und Schalke auch zum Geburtstagsgrillfest des Platzwarts noch locker 60 000 Leute kommen, ist das Glas in Schwaben traditionell eher halb leer als halb voll. Nicht geschimpft ist genug gelobt. Diese Mentalität, die sich bis auf die Sportplätze der Kreisligen durchzieht, ist natürlich ein gefundenes Fressen für Gehässigkeiten wie die einer „Spiegel-Online“-Autorin aus dem Jahre 2001:

„Schwäbische Fußballunterhaltung geht nämlich so: Drei Schwaben sitzen auf der Haupttribüne, gerade ist die zweite Halbzeit angepfiffen und der Ausgleich für den VfB gefallen. Da sind die Schwaben kurz baff und schweigen beleidigt. Dann kommt der vierte Schwabe vom Würstchenholen und fragt: ‚Was passiert?‘ Sagt einer: ‚Ausgleich geschossen.‘ Fragt die Bratwurst: ‚Wer?‘ Sagt ein anderer: ‚Ganea.‘ Sagt die Bratwurst: ‚Der Blinde.'“

Chapeau! Da muss ich heute noch drüber lachen (wobei es in diesem konkreten Fall durchaus gute Gründe für die Meinung der Bratwurst gab). „Spiegel Online“ findet aber:

„Das ist keine Spur ironisch, da steckt kein Hauch Zuneigung drin, von stillem Glück oder einem Funken Hoffnung ganz zu schweigen. So sind Schwaben.“

Was den VfB betrifft überwiegt also Häme und wahlweise gepflegtes Desinteresse in der Fußballwelt nördlich von Bietigheim-Bissingen. Im Netz findet man abseits der Foren, in denen 14-Jährige dutzendfach allwöchentlich ihre Wunschaufstellung posten (das hätte ich als 14-Jähriger wohl auch gemacht) und virtuelle Fahnen schwenken (das hätte ich hoffentlich nicht gemacht), auch nicht allzu viel Spannendes zu finden. Aber ein bisschen was schon. Zwar haben wir keinen Nick Hornby in unseren Reihen, aber doch immerhin einen fleißigen und eloquenten Blogger namens „Heinz Kamke“, der so gut wie nach jedem Spieltag seine lesenswerten Gedanken rund um den VfB kreisen lässt und sogar noch vom Bodensee kommt, falls das Impressum noch aktuell ist.

Dass auch da zuweilen die unerfüllte Sehnsucht auf bessere Zeiten zwischen den Zeilen hervortrieft, ist halt der tristen Realität geschuldet. Wenn die Nürnberger ihren „Glubb“ liebevoll-kauzig als „Depp“ bezeichnen, Ja was bitteschön ist dann der VfB? Ein Volldepp. 2007 auf dem Gipfel, die Bayern abserviert, Schalke in Tränen gestürzt, Meister, der Himmel voller Geigen, Champions League, olé olé. Und jetzt? Abstiegskampf, schon wieder am Abgrund zur Holzklasse, zur zweiten Liga. „Come to me“, ätzen voller Vorfreude der SV Sandhausen, Erzgebirge Aue und der FC Ingolstadt in fieser Eintracht. WTF!? Und das Schlimmste: Ich wäre voll mit dabei gewesen. Hätte einen schlimmen Karriereknick hinnehmen müssen mit meiner weißen, noch durch keinen Abstieg befleckten Fan-Weste. Hätte mithelfen müssen, den „Unfall zu reparieren“, wie man so unschön sagt. Denn mein Vertrag mit dem VfB gilt auch für Liga zwo. Ohne Ausstiegsklausel. Prädikat: Unverkäuflich.

Ich kann mich also nicht aus dem Staub machen wie einst Gomez und Co. Da können Vereine wie der BVB, St. Pauli oder der SC Freiburg noch so verlockende Angebote auf den Tisch legen und noch so sympathisch daherkommen wollen, da kann einen der große FC Bayern noch so sehr mit Titelgarantien und Rekordserien verführen. Seinen Verein wechselt man nicht. Und den VfB schon gar nicht. Auch nicht ein bisschen. Nicht mal inmitten eines Albtraumes, in dem sich Moderator Jörg Dahlmann und Experte Peter Neururer vom Zweitligasender „Sport 1“ zum Montagabendlivekick des VfB aus dem Stadion in Heidenheim melden. Zum Knallermatch der Woche, zum Schwabenderby in der Unterklasse. Und beim frühen 0:1-Rückstand des VfB höhnt Dahlmann: „Ja, was machen die denn da?“ Ja, verdammt, was machen die denn da? Ich drehe durch. Und erst als sich Hansi Müller und Karlheinz Förster hinter dem Tor warmlaufen und Christoph Daum in der Coaching Zone aktiv wird, merke ich was und wache schweißgebadet auf. Ein Blick auf die Tabelle zeigt mir: Wir sind dem Teufel noch einmal von der Schippe gesprungen. Not hat gegen Elend triumphiert. Wir haben es geschafft. Klassenerhalt.

Die Scheiß-Superduperduper-Bayern können uns heute am letzten Spieltag abschlachten und mit 1:12 nach Hause schicken (und damit mit dem exakten Ergebnis, wie ich damals bei meinem C-Jugend-Debüt gegen einen ebenso namhaften Gegner untergegangen bin). Egal. Wir sind gerettet. Warum, weiß keiner so genau, an den 32 Pünktchen kann‘s nicht liegen. Ich muss da mal bei Gelegenheit in Hamburg, Braunschweig oder bei meinem Nürnberger Kumpel nachfragen. Aber es ist zu befürchten: Nochmal geht das nicht gut.

Das weiß bestimmt auch der Hansi Müller. Ob er heute in München zum Saisonfinale im Stadion sitzt, weiß ich nicht. Wahrscheinlich verteilt er eher Flyer beim Infostand auf dem Edeka-Parkplatz in Korb. Dort steht das Gemeinderatsmitglied in spe nämlich auf der gemeinsamen Liste von CDU und Freie Wähler zur Kommunalwahl in zwei Wochen. Dann kämpft der einstige Ausnahmekicker und Poster-Boy nicht mehr gegen die beinharten Vorstopper des Gegners, sondern gegen Windräder.