Vinylgeschichten: Dr. Dre – The Chronic

The Chronic Cover

„Biaatsch“ – Snoop Doggy Doggs ganz spezielle Aussprache dieses im Rap ja doch hin und wieder verwendeten Wortes rechtfertigt den laut Wikipedia „beleidigenden Ausdruck für eine Frau“ keineswegs. Aber es verleiht dem Ganzen dann irgendwie doch eine humorvolle Note. „Gangsterrap klang nie süßer“, schrieb wohl nicht zuletzt deshalb laut.de einmal über den Hip-Hop-Klassiker „The Chronic“, der eine Zeit lang in jedem anständigen DJ-Case stand. So ganz am Anfang auch in meinem.

Meinen ersten festen DJ-Job hatte ich in einer ziemlich netten Kneipe, heute würde man Szene-Bar dazu sagen. Auf jeden Fall gab‘s dort am Wochenende immer Sound vom DJ, und der Freitag gehörte uns. Auf dem Programm stand alles zwischen Rap, Jazz, Funk und Soul. Publikumswünsche wurden gerne erfüllt, vor allem wenn düster dreinblickende Baseballcapträger kurz und knapp „Cube“ einforderten. Besagter Typ war in Wirklichkeit natürlich total harmlos, und ein paar Ice Cube Songs hatte ich tatsächlich in petto. Musikalisch gesehen war das sowieso völlig in Ordnung. Denn der Deal mit der Bar-Chefin war: Hip Hop bis elf, „und dann könnt Ihr Euer Acid-Jazz-Zeugs spielen“. Gebongt. Also bekam der Kerle nicht nur jeden Freitagabend und notfalls auch nach elf seinen Cube, sondern auch noch Dr. Dre hinterher.

Womit wir beim Thema wären: Dr. Dres „The Chronic“. 1992 veröffentlicht. Eines der besten Rap-Alben aller Zeiten. Das sag‘ jetzt nicht ich, sondern das ist einfach so. Dicker, cooler, trockener war Gangsta-Rap bis dato nicht und wahrscheinlich danach auch nie wieder. Zumindest nicht in dieser geballten Form. Nuthin‘ but a G Thang, Baby. Let Me Ride, Fuck wit Dre Day und so weiter und so fort. Eine LP voller G-Funk-Straßenhits.

The Chronic Back

Ich spielte „The Chronic“ damals noch von CD, weil ich mir dann erst später die 2001 nachgepresste Doppel-Vinylausgabe holen sollte. Viel wichtiger aber: Ich hatte auch eine Kopie auf Tape. Fürs Auto. Weil „The Chronic“ eben ein Album ist, das wahrscheinlich primär fürs Auto produziert wurde. Schon klar, eher für fette Amischlitten und nicht unbedingt für meinen postgelben rostigen 40-PS-Fiesta mit Bob-Marley-Bäpper hinten drauf. Aber egal. Scheibe runter. Zum ersten Beat spulen und Kupplung langsam kommen lassen. Dre. Hell yeah, Biaatsch. Wie cool.

Was das Ex-N.W.A.-Mitglied da zusammen mit seinen Homies Snoop & Co. rappte, hatte mit unserem Abiturientenleben zwar so gar nix zu tun. Aber – und hier wird`s entscheidend: Wir waren uns dessen voll und ganz bewusst. Unsere schwäbische Kleinstadt war nicht South Central Los Angeles. Nicht mal ein bisschen. Und wir keine Gangster. Nicht mal ein bisschen. Und eigentlich war uns der ganze Ami-Style auch völlig egal. Aber Dre zu hören, das war trotzdem okay. Vor allem in Verbindung mit Ford Fiesta und Kupplungsproblemen ergab das ein stimmiges Gesamtbild, für das man sich nicht schämen muss. Auch wenn man sonst Arrested Development hörte.

Aber Gangster-Business hin oder her. Die Platte war einfach musikalisch ein absoluter Meilenstein. Und so zeitlos, dass sie heute immer noch vollkommen alltagstauglich ist. Gerade bei L.A.-Wetter. Dres wuchtige Raps, seine fetten Beats im entspannten Kopfnickertempo, die legendären Synthiemelodien, die sich wie ein roter Faden durch die Tracks ziehen und unverschämt funky daherkommen, und natürlich Snoop Doggy Doggs geschmeidiger Einstand auf der großen Hip-Hop-Bühne. Ein Album wie aus einem Guss, das es nach dem Fiesta auch in jedes Nachfolgerfahrzeug geschafft hat. All Killer, no Filler. Biaatsch.

  • Faktencheck:
    Titel:
    „The Chronic“
    Interpret: Dr. Dre
    Label: Death Row
    Pressung:
    2001
    Bezugsquelle:
    Plattenladen
    Genre:
    Hip Hop
    Platz im Plattenregal:
    zwischen N.W.A. und Ice-T
    Nerd-Faktor:
    null
    Angeber-Faktor:
    kommt aufs Auto an
    Musikalischer Anspruch:
    hoch
    Anspieltipp:
    „Nuthin‘ but a G Thang“
    Wert laut discogs.com:
    Zwischen 13 und 27 Euro. Für die US-Originalpressung von 1992 werden zwischen 25 und 150 Euro verlangt.

Vinylgeschichten: Die neue Tele Ski-Gymnastik

Kinder der 70er und 80er Jahre dürften sie noch kennen: die Gymnastiksendungen im öffentlich-rechtlichen Fernsehen. Sei es die in zackigem Ton moderierten Aerobic-Shows oder gar – dem Zeitgeist folgend – die praktischen Breakdance-Einführungen für Jedermann. Der absolute Klassiker der kalten Jahreszeit und Prototyp aller Fitnessvideos war aber unangefochten die TV-Skigymnastik von und mit dem Sportschaumann und Wintersportexperten der ARD, Manfred Vorderwülbecke.
So klangvoll wie sein Name waren auch seine mit dezent-bayrischem Zungenschlag vorgetragenen Anleitungen. Als Zugpferd außerdem mit dabei: Rosi Mittermaier. Die sei, so wurde einem als Kind gesagt, mal Olympiasiegerin gewesen. Heute kennt man sie als regelmäßigen Bestandteil irgendwelcher RTL-Chartshows, in denen sie mit ihrem Mann Christian Neureuther von alten Abba-Songs schwärmen darf („Ja, mei, des war schee“).

Doch zurück zur Tele Ski-Gymnastik: Hierbei ging es grob gesagt darum, sich ab Spätherbst per wöchentlichem Heimtraining fit für die kommende Skisaison zu machen. Begleitend zu den im Dritten ausgestrahlten Sendungen gab es auch Bücher und eben diese Schallplatte, die ich irgendwann in den Neunzigern auf einem Flohmarkt in die Hände bekam – und natürlich sofort zugriff.
Schon das Cover ist der Hammer: Die Hosts Vorderwülbecke und Mittermaier im feschen, schneeweißen Gymnastikoutfit, dahinter – leider ohne Beine hineinretuschiert – der für die Musik zuständige und über beide Ohren grinsende Max Greger. Bis auf diesen sympathischen Grafiker-Fauxpas gibt es aber am Artwork nix auszusetzen. Klassischer und unverkennbarer 70er Jahre Stil. Ein echter Hingucker, von vorne wie von hinten, wo der damalige Bundespräsident höchstpersönlich abgebildet ist. Und auf den Innenseiten des aufklappbaren Covers gibt es für den Heimeinsatz eine hilfreiche visuelle Darstellung der Übungen:

Also Platte auflegen und los geht’s zum Sound vom Greger-Max. Der groovt sich mit seinem Orchester durch die Trainingselemente, die mit zünftig-elanvollen Namen wie „Zwei Brettl im Schnee“, „Jumping in the Snow“, „Winter auf der Alm“ oder „Happy Skier“ betitelt sind. Swingender Big-Band-Style, der einem die Bilder der TV-Show noch einmal vor das innere Auge holt. In seinem Fernsehstudio hatte Vorderwülbecke immer eine bunte Crew in Trainingsanzügen um sich geschart: neben Ski-Promis wie Mittermaier/Neureuther gewöhnliche Leute aller Altersgruppen, von artigen Kindern über gemütliche Familienväter bis hin zu rüstigen Senioren. Sie alle machten – dauerlächelnd und niemals schwitzend – die einzelnen Übungen vor, die im heimischen Wohnzimmer pflichtbewusst vor der Glotze nachgeturnt wurden. Oder auch nicht, je nachdem. Immer dazu gehörten auch kurze Filmchen mit Benimmregeln für die Piste. Ein lustiges Kerlchen namens „Fuzzy, der Pistenschreck“ sollte dem Zuschauer eigentlich zeigen, wie es nicht geht, hatte aber mit seinem Didi-Hallervorden-Flavour trotzdem die Lacher stets auf seiner Seite.

Doch im Prinzip war das alles nur ein langes Warmup für das tatsächliche Highlight zum krönenden Abschluss einer jeden Episode: die Kamerafahrt über eine Weltcup-Abfahrtspiste. Für die solche simplen Effekte noch zu würdigen wissende damalige TV-Gemeinde hieß das: Tief in die Hocke gehen, federn, schanzen, Kurven kratzen. Während der anstrengenden Trockenübung trugen einen die schnellen Greger-Beats schwungvoll dem virtuellen Tal entgegen, während ein geduldiger Vorderwülbecke – der Traum von einem Sportpädagogen – aus dem Off Durchhalteparolen skandierte und auch für den ungelenkigsten Sofasportler noch aufmunternde Worte fand – nie autoritär, sondern stets sanft und väterlich. Die letzten Meter, dann die Zieleinfahrt. Geschafft! Noch ein paar abschließende Lockerungsbewegungen zu „Zwei Brettl im Schnee“, dann war die Gymnastikstunde zu Ende.
Auf der Platte verabschiedet sich Vorderwülbecke an dieser Stelle mit den Worten: „Vielen Dank fürs Mitmachen. Entspannen Sie sich und testen Sie zwischendurch auch einmal unser Trainingsprogramm auf der A-Seite.“ Im Fernsehen lief danach Bonanza.

  • Faktencheck:
    Titel:
    „Die neue Tele-Ski-Gymnastik“
    Label: Polydor
    Pressung:
    1977
    Bezugsquelle:
    Flohmarkt
    Genre:
    Gymnastik-LP
    Platz im Plattenregal:
    zwischen „Timm Thaler“ Soundtrack und Easy-Listening-Sampler
    Nerd-Faktor:
    hoch
    Angeber-Faktor:
    mäßig
    Musikalischer Anspruch:
    variiert
    Anspieltipp:
    „Downhill“
    Wert laut discogs.com:
    Ohne Angabe. Amazon meint: „Derzeit nicht verfügbar. Ob und wann dieser Artikel wieder vorrätig sein wird, ist unbekannt.“ Dann aber bei eBay gesichtet für 4,99 Euro per Sofortkauf.