Wahlfieber 2013

Leipzig, Bundestagswahl, Wahlwerbung
Bundesarchiv, B 145 Bild-F086568-0028 / Kirschner, Harald / via Wikimedia Commons

Wird Zeit, dass endlich gewählt wird. Was für ein Theater. Kanzlerkette, Stinkefinger. Das sind die Themen, die das Land bewegt. Am besten gar nicht mehr hingucken, Medienpause machen, höchstens noch kurz den Wahl-O-Maten konsultieren (um sich dann eh wieder nicht an das Ergebnis zu halten) und gut ist.

Aber auch mit den besten Vorsätzen nicht vorbei kommt man an dem bunten Plakate-Wald, der in diesen Tagen unsere Straßen säumt.  Also schauen wir uns die doch mal genauer an. Zeit für Inhalte. Der große Bodenseebass-Wahlplakate-Check.

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Wetterbericht

Und nun zum Wetter: Amtlicher Sturm gestern. Bodenseebass mischte sich unter die Katastrophen-Touristen und knipste den schönsten Weltuntergang des noch jungen Sommers:

Heute wieder alles ruhig. Saharahitze, Blitzsommer, 40 Grad im Schatten, die Soße läuft. Aber deshalb gleich ins Wasser rein? Kann das gut gehen? Wie gut, dass die Onlinepraktikanten einer Regionalzeitung vorab im so genannten „Selbstversuch“ getestet haben, wie das eigentlich so ist, das Baden. Im Sommer. Bei 40 Grad. Das Fundstück des Tages:

30 Jahre Handtelefon

Geburtstagskind des Tages: das Handy. Wird heute wohl 30 Jahre alt. Mein erstes Handtelefon war ja ein Alcatel. Mit zweizeiligem Display ausgestattet, lag super in der Hand und hatte einen kleinen niedlichen Antennenstumpen oben dran, den man – prima Spielzeug – leicht abschrauben konnte. War aus so einer Prepaid-Box von der Telekom. Weil Mobilfunkverträge waren ziemlich unbezahlbar und hätten sich eh nicht gelohnt. Schließlich habe ich das Gerät fast nie benutzt. Wenn so ein Ding in der Öffentlichkeit mal geklingelt hat, wurde man noch echt schräg angeschaut. Heute fällt man dagegen auf, wenn man im Zug oder Bus einfach nur so dasitzt, ohne auf einen Screen zu glotzen.

Doch zurück zum Alcatel. Designmäßig also super, war die Menüführung eher schwierig. Man musste in etwa eine halbe Stunde einplanen, um eine SMS abzusetzen. Aber egal, siehe oben. Meist lag das Ding im Handschuhfach, falls mal der ADAC gerufen werden musste (was bei meiner Rostlaube nicht ganz unwahrscheinlich war).

Lange hatte ich das Handy trotzdem nicht. Obwohl seinerzeit schon nicht ganz der letzte Schrei, wurde es mir in einer Diskonacht aus dem Auto geklaut – vor dem Metro war das. Das einzige, was wirklich was wert war in und an dem ollen Zweiergolf war zwar das Radio. Das hat der Depp aber drin gelassen. Ich, ziemlich angepisst wegen des professionell eingestochenen Lochs unterm Türgriff, lasse die Polizei rufen (vom Türsteher, mein Handy war ja weg). Muss ich machen, wegen Versicherung und so, und überhaupt, dachte ich. Die werden sich freuen, die Bullen, morgens um halb fünf. Werden kurz murren, die Personalien aufnehmen und gut is. Aber nee nee. Was machen die Cops? Holen doch tatsächlich ihr Detektiv-Pulver raus und nehmen Fingerabdrücke am Auto. Wie im Film. Waren zwar wohl überwiegend meine eigenen Tapser, aber egal. Ich als alter Hobbyagent war begeistert. Hatte nicht mal gewusst, dass die so was standardmäßig im Streifenwagen haben. Super Sache auf jeden Fall. Mein Respekt für so viel Gewissenhaftigkeit, liebe Polizei Friedrichshafen.

Den Dieb haben sie dann trotz mehrköpfiger Sonderkommission zwar nicht erwischt, und nach einer längeren handylosen Zeit ging‘s bei mir dann mit einem gebrauchten Siemens weiter. Aber irgendwann, irgendwann wird es klingeln, und ein kurz vor der Pension stehender Kripobeamter, den der Fall all die Jahre nicht losgelassen hat, wird mir eröffnen, dass sie das Arschloch endlich verhaftet haben. Dank Fingerabdruckabgleich. Und dann – in einer verschweißten Tüte mit Aktenzeichen dran – kriege ich mein Alcatel wieder.

Vinylgeschichten: Tag des Plattenladens


Foto: Wikipedia/Mot2

Es gibt ja inzwischen für so ziemlich alles einen Gedenk- oder Aktionstag im Jahreskalender: für die Rückengesundheit, ein sicheres Internet, für Schildkröten und – man höre und staune – auch einen für den Plattenladen. Also nicht für iTunes oder Amazon, sondern die echten Plattenläden. Jene gallischen Dörfer des Einzelhandels, in denen, frei nach Nick Hornby, Soul in der vorletzten Reihe gleich neben dem Blues steht. Und da der unabhängige Plattenladen um die Ecke inzwischen ja ziemlich rar geworden ist, ehrt ihn der alljährliche Record Store Day – so wie jetzt am vergangenen Samstag.

Ich muss gestehen, auch selbst schon länger nicht mehr in einem solchen gewesen zu sein und mir stattdessen das Zeug lieber per Mailorder schicken zu lassen. Das ist bequem, aber ohne Flair. Schließlich fehlt das ganze Drumherum, das einen Plattenladen so ausmacht. Leute treffen, über Partys reden, Flyer checken und gleichzeitig in bester Sammler-Manier „Spähen, Jagen, Erlegen“, wie es der letztjährige deutsche Record-Store-Day-Botschafter Thees Uhlmann auf den Punkt bringt: „Die Trophäen nach Hause tragen, das Besondere wertschätzen und das in der schönsten Form, wie man Musik wohl konsumieren kann: Vinyl!“ Da hat der Mann natürlich vollkommen recht. Musikkauf ist Vertrauenssache, und das Wohlwollen des Vinyldealers will erarbeitet werden. Doch bis zum Premiumstatus, dem eigenen Zurücklegefach hinterm Tresen, ist es ein langer Weg.

Für einen, der in der schwäbischen Provinz groß wurde, begann dieser nicht im coolen Indie-Laden mit Szenegeruch, sondern im lokalen Elektro- und TV-Fachhandel (auch so eine aussterbende Gattung). Dort gab es Tapes von Depeche Mode bis Udo Jürgens, natürlich auch ein paar CDs und eine Vinylkiste, in der Modern Talking einträchtig neben Bruce Springsteen, Tina Turner, Grace Jones und Geier Sturzflug stand. Neuerscheinungen hingen – mit Wäscheklammern befestigt – an einer Nylonschnur im Schaufester hoch über den neuesten Röhrenfernsehern, Stereoanlagen, Heimcomputern, VHS-Rekordern und Atari-Konsolen. Anhörmöglichkeiten gab es selbstverständlich keine. Schließlich waren die meisten der Compilations „bekannt aus Funk und Fernsehen“. Und LPs kaufte man entweder, weil man auf dem Schulhof schon eine Kassette davon in die Hand gedrückt bekommen hatte, ein Videoclip dazu bei Formel eins lief oder eben blind.

Als nach Jahren ausschließlichen Tape-Hörens dann endlich eine Philips-Kompaktanlage mit Plattenspieler ins Kinderzimmer eingezogen war, erstand ich also in jenem Laden für nicht mal 20 Mark meine erste selbstgekaufte Vinylplatte. In meiner Erinnerung zanken sich Bon Jovis „Slippery when wet“ und a-has „Scoundrel Days“ um diesen Status – und ich hoffe ja inständig, es war letztere, befürchte aber Schlimmeres.

Den nächstbesten „richtigen“ Record Store hatte dann die nahe Kreisstadt zu bieten. Ein kleines, dunkles und vollgestopftes Loch. Nach den sympathischen TV-Mechanikern vom Dorf standen einem hier langhaarige Rocker und Techno-Typen gegenüber, die sich in der Regel für unheimlich schlau hielten und in Sachen Musikgeschmack und Qualität ihres Sortiments nicht groß mit sich reden ließen. Eine bestimmte Platte bestellen? „Ich kann‘s probieren“ war die Antwort, was so viel hieß wie: Kauf gefälligst das, was wir da haben, du Vogel, oder fahr halt gleich nach Stuttgart. Was man dann auch getan hat.

Langsam aber heftig war die Sehnsucht nach zeitgenössischer Clubmusik erwacht, und so wurde die regelmäßige Pilgerfahrt per Bummelzug in die Landeshauptstadt Pflicht, um sich mit dem heißesten Scheiß einzudecken und das Vinyl in prall gefüllten Jutetaschen aus der großen weiten Welt nach Hause zu holen. Natürlich war es völlig uncool, samstagmorgens nicht selten schon vor der verschlossenen Ladentür herumzulungern, noch ehe der Besitzer übermüdet daher geschlurft kam. Aber im Gegensatz zu den hippen Großstädtern waren wir ausgeschlafen und zudem fest entschlossen, unser Taschengeld voll und ganz in Beats aus dem nächsten Jahrtausend zu investieren. Und da standen sie nun zuhauf, die Scheiben, die das Fan-Herz höher schlagen ließen. Jetzt sich bloß beim Probehören nicht anmerken lassen, dass einem die lässige Bedienung eines Technics-Tonarmes noch nicht unbedingt so sehr in Fleisch und Blut übergegangen war wie dem routinierten House-DJ am Anhörplatz nebenan. Und beim Rausgehen nicht vergessen, die kopierten Handzettel aus der Provinz schnell noch heimlich unter die teuren Hochglanzflyer der Szeneclubs zu mischen, bis man dann später endlich den ersten ordentlich gedruckten Flyer mit seinem Namen drauf dabei haben sollte.

Obwohl also die Nahversorgung in Sachen Tonträger gut funktionierte und Mailorderkataloge den Restbedarf abdeckten, waren gelegentliche Shoppingtrips nach London ins gelobte Vinylland natürlich das Nonplusultra. Noch mehr Läden, noch mehr Platten, noch mehr Entdeckungen. Noch mehr rausgeschmissenes Geld. Das trug man dann lieber in den geliebten Ravensburger Soundcircus:

Und als es den nicht mehr gab (schief): ins Internet. Dort stehen sie alle, die raren Scheiben, nach denen man in Listen, Second-Hand-Läden und auf Flohmärkten immer gefahndet hat. Und jetzt ist es nur eine Frage des Preises, und sie sind Dein. Theoretisch zum Beispiel auch jene Boards-of-Canada-Platte, die man seinerzeit schon in den Händen hatte, aber die Gelegenheit verstreichen ließ, und die jetzt ab achtzig Euro aufwärts bei Discogs feil geboten wird. Vielleicht sogar von einem Seller, der die Konkursmasse eines dicht gemachten Plattenladens aufgekauft hat.

Ach ja, den Fachhändler daheim gibt es übrigens heute noch. Er gehört jetzt zu einer der üblichen Elektronikketten. Vinyl führt er natürlich schon lange nicht mehr, wahrscheinlich nicht mal mehr CDs. Dafür vercheckt er neben Flachbildglotzen und MP3-Playern auch Strom- und Handyverträge. So ist das eben. In diesem Sinne zum Record Store Day: Alles Gute, liebe Plattenläden!

MV wird 80


Foto: Memorino (Creative Commons/Wikipedia)

Offtopic: Wir haben heute ein besonderes Geburtstagskind, das zumindest jeder Baden-Württemberger kennen dürfte: Gerhard Mayer-Vorfelder (sprich: Emm-Fau), eine ganz vorsichtig ausgedrückt nicht ganz unumstrittene Figur mit oft fragwürdigen Ansichten und einem Gutsherrenstil der alten Schule. Geschadet hat ihm das nie. Der gute Mann hat mehr Affären ausgesessen, mehr Skandale überstanden als die meisten seiner Politikerkollegen und ist dabei sogar stets weiter nach oben gestiegen. Am Ende wurde er sogar Boss des DFB und hohes Tier bei der FIFA.

Für die Jüngeren unter der Leserschaft: MV war zuvor lange Jahre Kultus- und Finanzminister im Ländle und gerade in erster Funktion unter den Schülern berühmt-berüchtigt. Aber eigentlich war er ja in erster Linie Dauerpräsident des VfB Stuttgart und damit Lieblingshassobjekt der Kurve. „Vorfelder raus“ gehörte zum Standardschlachtruf im Neckarstadion seit ich denken kann. Es dürfte ihm aber so ziemlich am Allerwertesten vorbeigegangen sein, was der Pöbel über ihn denkt, denn so sicher wie er saß keiner im Sattel. Und als der Patriarch dann schließlich doch abtrat, war sein Klub fast pleite. Nicht schlecht für einen Ex-Finanzminister.

Wie dem auch sei: MV wird heute achtzig. Und wir erheben das Glas (wenn man das noch ungestraft sagen darf).

Hang the DJ

Okay, den Rummel um die GEMA-Reform hat ja wohl jeder mitgekriegt. Riesenaufregung. Abzocke von Clubbetreibern, alle Diskos bald am Ende, Proteste, Shitstorm, Skandal. Kennste? Kennste. Aber nun wird es erst richtig lustig. In Bälde kommt da ein neuer GEMA-Tarif um die Ecke gegrätscht, der nicht die dicken, kohlescheffelnden Clubmanager, sondern den kleinen DJ von nebenan persönlich an die Kandare nimmt. Tarif VR-Ö heißt das Ding.

Worum geht’s? Um den Platten- oder CD-Koffer des DJs beziehungsweise sein Laptop. Bisher waren die Gebühren für kopierte Tonträger den Clubs mit in Rechnung gestellt worden, nun werden die MP3-Aufleger selbst zur Kasse gebeten – oder unter gewissen Umständen auch nicht. So richtig blickt man da ja spontan nicht durch. Die De:Bug hat sich die Mühe gemacht, das Ganze ausführlichst zu erklären und netterweise auch ein Schaubild zu malen, das den Wahnsinn bestens illustriert. Und wir lernen schnell: File ist nicht gleich File.

Also, Fallbeispiel eins: Du legst mit selbstgebrannten CDs auf? Pech, musste zahlen. Pro Track 0,13 Euro. Fallbeispiel zwei, und jetzt wird’s kompliziert: Du kaufst eine MP3, ganz legal, nehmen wir jetzt mal an, und lädst sie auf Deinen Rechner. Soweit ist alles safe. Aber sobald Du Dir zum Auflegen das File auf Dein Laptop oder einen Stick ziehst oder eine CD brennst, überschreitest Du die rote Linie. Die abgespielte Datei wird gebührenpflichtig. Ob da ein Aufseher an der Kanzel steht und mitschreibt oder ob ein fieser GEMA-Trojaner auf Deinem Notebook das automatisch erledigt und die fälligen Gebühren gleich abbucht – keine Ahnung. Vielleicht gibt es ja auch Hausbesuche à la GEZ durch Außendienstmitarbeiter.
Sicher ist nur: Das Ganze tritt am 1. April (sic!) in Kraft. Das heißt bei der folgenden Veranstaltung, die wir Euch jetzt schon wärmstens ans Herz legen, wird noch alles beim Alten sein:

So ist es an besagtem Abend GEMA-mäßig völlig egal, ob Kollege Double-L von seinen frisch codierten Beatport-MP3s die bald kostenpflichtige Sicherungskopie spielt oder vor lauter Verwirrung doch wieder seine Vinylscheiben auspackt. Die sind nämlich auch nach dem Stichtag völlig lizenzgebührenfrei.

Unterwegs: München by Bus

Der Bodenseebass-Check: Mit dem Fernbus vom See nach München.

Foto: flickr.com/uspn

Es gibt ja Leute, die Busfahren generell ablehnen. Der Autor selbst gehört da zwar nicht dazu, räumt aber ein, Busreisen von mehrstündiger Dauer seit dem Schullandheim in Klasse neun und einem eher irrwitzigen London-Trip eher zu meiden. Doch DAS Angebot war zu verlockend. Friedrichshafen-München per Omnibus, hin und zurück 21 Euro. Unschlagbar, Kampfpreis. Nur Schwarzfahren ist billiger. MeinFernbus.de nennt sich das Ganze und deckt die Linien zwischen Zürich und München beziehungsweise Freiburg und München ab. Zwischenstopps am See: Konstanz, Meersburg und eben Friedrichshafen. Wusste ich gar nichts davon, bis ich kürzlich einen der knallgrünen Busse hab rumfahren sehen. War ja bisher überwiegend dank Fernverbindungsmonopol Sache der Bahn, aber ab 2013 wird‘s von der Sorte wohl mehr auf Deutschlands Straßen geben, stand in der Zeitung. Muss man mal probieren, dachte ich.

Gesagt getan. Im Netz gebucht, pünktlich am Busbahnsteig acht in Friedrichshafen eingefunden. Und siehe da: trotz Freitagabendverkehr mit nur zehn Minuten Verspätung taucht das grüne Gefährt aus Zürich auf. Ein wortkarger Busfahrer checkt auf seinem Smartphone vor dem Einstieg die Buchungsbestätigung („Name?“) und schon geht‘s los. Der Bus voll besetzt, aber die nötigen Plätze für die Zugestiegenen sind noch frei. Sieht doch ganz gut aus: die angenehme Beinfreiheit fällt gleich mal positiv auf, das versprochene W-LAN für maximal acht User kann ich mit meinem antiken Handy nicht überprüfen. Und Hinweise auf die beworbenen Snacks und den Kaffee gibt es keine. Die versprochene Bordtoilette ist aber da.

Nun gibt es ja doch so ein paar Dinge auf der Welt, die man nicht unbedingt gesehen haben muss. Dazu gehören für mich eindeutig Bus-WCs. Zugtoiletten sind schon suspekt bis ekelhaft genug, aber erst im Bus? Nee, lass mal. Keine Ahnung, wie man da überhaupt unfallfrei reinkommt. Ich will auch gar nicht wissen, wie es darin mehrere Stunden nach Fahrtbeginn üblicher Weise so aussieht. Deshalb verkneif ich‘s mir lieber. Doch natürlich gibt es auch Mitfahrer mit schwächerer Blase, und so steigt bereits kurz hinter Lindau der erste hinunter in die Dunkelkammer. Denn das Licht, soviel hat sich im Bus schnell herumgesprochen, geht nicht. Und auch die Toilette an sich „funktioniert nicht“, berichtet auf Höhe Leutkirch warnend ein Wiederkehrer. Das hält natürlich trotzdem keinen seiner Nachfolger vom Versuch ab, bis dann eine ältere Dame konkreter wird, den defekten Zustand des stillen Örtchens unmissverständlich bestätigt und meinen Ressentiments damit weitere Nahrung liefert: Stimmt, geht nicht. War ihr wohl offenbar in dem Moment egal, aber: „Wenn jetzt noch einer draufmacht, dann läuft sie über“, lässt sie die hintere Bushälfte wissen. Und ihr junger Nebensitzer ergänzt: „Das war beim letzten Mal auch schon so.“ Er fährt zum zweiten Mal mit MeinFernbus und gehört damit schon zu den alten Hasen hier, scheint es. Diesmal hat er aber zu seinem Bedauern die freundliche Willkommen-an-Bord-Ansage des Fahrers vermisst.

Aber hey: 21 Euro. Und recht entspannt ist die Fahrt schon. Abgesehen von der in ihrer Kapazität erschöpften Toilette gibt es keine besonderen Störungen mehr. Während sich die Nebensitzerin zweieinhalb Stunden lang schweigend mit ihrem Smartphone beschäftigt, findet man selbst im als Reiselektüre leider spontan im Bahnhofskiosk erstandenen NEON-Mag tatsächlich keinen einzigen Artikel, der nach kurzem Überfliegen als lesenswert erachtet wird. Egal, wir sind ja schon da. Mit zwanzigminütiger Verspätung biegt der namenlose Fahrer in den Münchner ZOB ein. Fazit des Bodenseebass-Fernbus-Checks: Passt! Die Rechnerei, ob die kalkulierte Umsteigezeit in Ulm auch ausreicht, fällt weg. Und mit planmäßig zweieinviertel Stunden ist man per Fernbus auch schneller in der bayrischen Hauptstadt als mit der Eisenbahn. Gut, während der Wiesn würd ich jetzt nicht unbedingt fahren wollen (nicht nur wegen des Klos), aber sonst. Kann ich empfehlen. Damit wächst der Bodensee im besten stoiberschen Sinne quasi näher an Bayern heran.

Grund des München-Trips by Bus war aber natürlich nicht die Anreise an sich (und auch nicht das leckere Viergängemenü meines Gastgebers – danke nochmal!), sondern ein Clubbesuch im altehrwürdigen Muffatcafé. Feine, überschaubare Lokalität, die ich noch von einem eigenen DJ-Gig bei den inzwischen eingestellten „Southern Sessions“ kannte. Diesmal hat „Into Somethin’“, die vor 21 Jahren ins Leben gerufene Veranstaltungsreihe aus dem Compost-Records-Umfeld, zur Revival-Party geladen. Und gekommen ist ein Publikum, das man sogar in Großstädten so wohl nur selten auf einem Haufen sieht. Hoher Altersdurchschnitt, Ausdruckstänzerinnen weit jenseits der 30, erstaunlich viele tanzfreudige Männer fortgeschrittenen Alters mit nicht zu verbergenden Bauchansätzen, was ihrer körperlichen Agilität aber keinen Abbruch tut. Zwar dazwischen auch weibliche Dorfjugend, die besoffen im Kreis um ihre auf der Tanzfläche platzierten Handtaschen herumschwooft. Aber insgesamt: sympathische Leute und feine Musik. Den Anfang machen deepe Rap-Tracks, dann viel Percussionmucke und Klassiker von Hip Hop über Dancefloorjazz, Trip Hop, Funk und Soul. Dazwischen auch unvermittelt der eine oder andere Drum&Bass-Hit. Zur späteren Stunde im wilden Wechsel Portisheads „Strangers“ mit „Super Sharp Shooter“ oder den Sneaker Pimps. Volle Pulle Neunziger. Schön war‘s.

Am nächsten Tag statt Wurst mit Senf beim Giesinger Fanfest vom TSV 1860 doch lieber in die Stadt gefahren und ein bisschen Kultur und Wochenendtreiben mitgenommen, am vollgestopften Apple-Store vorbei zur Vitaminaufnahme am Saftstand auf dem Viktualienmarkt und zum Abschluss nebenan ins „Kaffee und mehr“.


Hatte leider schon zu: der Wurzel-Sepp

Dann Rückfahrt mit Fernbus, klaro. Diesmal aber zwei Fahrer am Start, der Begleiter mit Pferdeschwanz stellt sich selbst als Franzose und den Piloten Fahrer als „Stefan“ vor – begrüßt in aller Ausführlichkeit den diesmal nur halb besetzten Bus („Bitte alle anschnallen, das ist bei uns Pflischd; bist du auch schon angeschnallt, Schdefan?“), prognostiziert eine pünktliche Ankunft in Friedrichshafen und der Endstation Freiburg und bietet Apfelschorle und Snacks feil. Also doch. Nur das Wetter in den Ankunfstorten à la „In Friedrichshafen erwartet uns ein wolkenfreier Himmel bei 18 Grad“ fehlt jetzt noch als Information des Stewards. Mit übrigens offenbar funktionierender Toilette geht es dann zehn Minuten schneller als es der Fahrplan verspricht wieder zurück an den See, wo mir der Franzose per Bordmikro noch „ein schönes Wochenende“ wünscht. Danke, ebenfalls.


Point of No Return: Nonstop durchs Allgäu…


…zurück an den See.

Ein Orca im See

Selbst den hartgesottensten Wasserratten und Kampfschwimmern dürfte das im Leben noch nicht in den Sinn gekommen sein. Und jenen, die froh sind, Mitte August bei angenehmen 24 Grad Wassertemperatur von einem Badefloß zum nächsten zu kommen, schon gar nicht: Mitte Mai im 14 Grad frischen Nass von einem Ende des Bodensees zum anderen zu kraulen. Ohne Pause, Neoprenanzug, Luftmatratze, zwischenzeitliche Einkehr im Fischlokal oder sonstige künstliche Hilfsmittel. Und zwar nicht die kurze deutsch-schweizer Strecke, nee nee. Das komplette Programm von West nach Ost. Von Bodman nach Bregenz. 64 Kilometer.

Wie verrückt das ist, zeigt sich schon daran, dass eine solche Bodenseequerung bisher wohl noch keiner geschafft hat. Zumindest läuft das, was der Stuttgarter Extremsportler Bruno Dobelmann – Kampfname „Orca“ – heute Nachmittag in Angriff genommen hat, unter „Weltrekordversuch“. Der Kerle – 53 Jahre, 110 Kilo auf 1,74 m Körpergröße – macht sowas nicht zum ersten Mal, wie man seiner Vita entnehmen kann. So hat er auch schon den Ärmelkanal durchschwommen. Naja, zumindest das Wasser des Schwäbischen Meeres dürfte deutlich leckerer schmecken. Aber davon hat er sich inzwischen ja schon mit dem einen oder anderen kräftigen Schluck überzeugt:

Gerade scheint er irgendwo zwischen Überlingen und Meersburg zu stecken, sagt sein GPS-Signal. Und der Blick aus dem Fenster sagt: klassisches Fritz-Walter-Wetter. Sonst würde ich ihn vielleicht ja vom Ufer aus anfeuern oder so. Bis jetzt kämpft er sich jedenfalls tapfer durch Sturm und Strömungen und findet bei allem auch noch die Zeit, seine aktuelle Stimmung auf Facebook zu posten – oder eher die Statusupdates seinem Begleitbootpersonal gurgelnderweise zu diktieren. Ich kann mir aber auch durchaus vorstellen, dass Männer, die man „Orca“ nennt, die Liveberichterstattung ihres Kampfes mit den Naturgewalten direkt in ihre internetfähige Taucheruhr eintippen. Egal, Bodenseebass wünscht ihm auf jeden Fall das Allerbeste für die restlichen, ähm, vierzig, fünfzig Kilometer seines Weges.


Nachtrag:
Nach rund zwölf Stunden im Wasser ist der Orca nach eigenen Worten dann doch „abgesoffen“. Um dann wenige Tage nach seiner gescheiterten Längsquerung den See einfach – in knapp fünf Stunden – in seiner Breite zu durchschwimmen…

Ruhe in Frieden, MCA

Seine schwere Krankheit war ja seit Jahren bekannt, und doch hat man irgendwie gedacht, dass das schon alles wieder gut wird mit dem Mann. Zumal er ja mit seiner Band erst im letzten Jahr noch eine Platte herausgebracht hat. Die Band sind die Beastie Boys, und bei dem Mann handelt es sich um Adam Yauch alias MCA. Nach dreijährigem Kampf gegen den Krebs ist der New Yorker Hip-Hop-Veteran heute gestorben. Mit 47 Jahren.

Tatort Bodensee

„Eines geht mir aber wirklich auf die Nüsse: diese ‚Tatort‘-Sache. Das ist das neue Ding, was wir coolen Leute seit einiger Zeit schauen müssen. Eine Art neue Spießigkeit. Ich finde diese Krimis furchtbar altbacken und öde. Nichts ist schlimmer als der Satz: „Der beste ‚Tatort‘ ist der Münsteraner.

Diese bösen Worte hat kürzlich Sarah Kuttner (Ex-VIVA und so weiter) im Spiegel zu Protokoll gegeben. Ob das Gemotze zitierwürdig ist, sei dahingestellt, aber auf diese elegante Weise sind wir wenigstens gleich beim Thema. Wobei, den letzten Teil des Kuttner-Disses unterschreib ich glatt. Kann ich mir nicht geben (Liefers). Und übrigens auch nicht den Leipziger (Thomalla) und bald den Hamburger (X-Ohrküken).
Obwohl, wie schon an anderer Stelle kommentiert, der Konstanzer Tatort leider meist auch nicht gerade zu den Glanzlichtern der Reihe zählt, sollten wir coolen Leute heute trotzdem die Glotze einschalten, wenn in der Episode „Schmuggler“ wieder am Bodensee ermittelt wird. Diesmal geht’s um krumme Geschäfte am Zoll. Und wie der Lokalpresse zu entnehmen ist, hat der Ravensburger Regisseur Jürgen Bretzinger bei der Gelegenheit auch wieder einige bekannte Nasen aus den Region vor die Kamera gelassen.

Den Trailer gibt’s hier.