Nachruf: James Last

Happyning

Es gibt ja diesen typischen Einstieg bei vielen Musiker- und DJ-Biografien, die dem Leser klarmachen sollen: hey, der Typ war schon immer eine coole Socke. Also Floskeln wie „schon von klein auf Kraftwerk-Fan gewesen“, „als Siebenjähriger auf Jungle-Tapes aus London abgefahren“ oder „groß geworden in einem besetzten Haus mit lauter Punkrockern und Performancekünstlern“. Bei mir würde da eher stehen: „Hat früh schon die väterliche James-Last-Plattensammlung in den Händen gehabt.“ In erster Linie wegen der Cover natürlich, aber auch den Sound fand ich als Steppke nicht übel.

Auch wenn sich unsere musikalischen Wege irgendwann weitestgehend trennten und nur punktuell das eine oder andere Mal wieder kreuzen sollten (Stichwort „Happy Brasilia!“): Hans (James) Last, der Meister des „Happy Sounds“ und der „Non Stop Dancing“ Scheiben, der Godfather des Easy Listening,  ist für mich immer der korrekte Bandleader schlechthin geblieben (deutlich vor Max Greger).

Last hat in seiner Karriere ungefähr 499 LPs aufgenommen und davon unglaublich viele Kopien verkauft, war trotzdem zwischendurch fast pleite, hat aber die Kurve gekriegt und sein Häuschen in Florida behalten können. Bis zuletzt stand er mit seiner Big Band auf der Bühne. Jetzt ist James Last gestorben.

Ihm zu Ehren:

13 Jahre „Reclaim the Beats!“

Flyer RTB 2015 Max Romeo
„Reclaim The Beats!“ – die wahrscheinlich berühmteste Drum&Bass-Party zwischen Riss und Bodensee und ganz sicher eine der dienstältesten Clubreihen im Douala – wird 13!

13 Jahre – muss so ein krummes Jubiläum extra gefeiert werden? Wir meinen: unbedingt. Schließlich ist man nun im besten Flegelalter angekommen und sowieso immer noch genauso „on fire“ wie bei der Premiere, damals im Februar 2002. Seit dieser Nacht groovt der Drum&Bass wieder regelmäßig durch den Kultschuppen am Ravensburger Bahndamm. Und wer hat da nicht schon gerockt? Hinz und Kunz standen bei „Reclaim the Beats!“ in all den Jahren in der Douala-Kanzel oder auf der Live-Bühne: vom Weltstar bis zum Dorf-DJ von nebenan.

Und einer aus dieser langen Liste singt dem frisch gebackenen Party-Teenager jetzt das Geburtstagsständchen: Der Engländer MC Mike Romeo, einer der besten und elegantesten seines Fachs, gastiert zum ersten Mal nach längerer Zeit wieder in Ravensburg und wird am Mikrofon durch den Jubiläumsabend am Samstag, 11. April 2015 führen.

Daneben am Start ist natürlich auch das DJ-Stammpersonal: Double-L und Mellokat vorne, die Reggae-Boys und Festivalhelden der Keep it Real Crew hinten.

Also: Happy Birthday, RTB!

Unterwegs: Digital Analog Festival

DA 01

Bodenseebass war mal wieder auf Tour. Einmal mehr Fernbus, einmal mehr in Bayerns Hauptstadt. Diesmal aber zum Digital Analog Festival. Ist in München, kostet aber trotzdem keinen Eintritt. Und für seine null Euro kriegt man dann eine noble Location (Gasteig), wo sonst die Hochkultur zuhause ist, ein somit für ein Festival recht außergewöhnliches Ambiente (keine Getränke in den Sälen erlaubt, strenge Hostessen passen auf), jede Menge Visuals und viel Musik, Performance und Knöpflesdreherei.

So hat Dieter Döpfer, Geschäftsführer der Doepfer Musikelektronik GmbH und Meister der Modularen Synthesizer, gleich seine halbe Klangwerkstatt aus Gräfelfing mitgebracht und steuert zusammen mit Videokünstlern akribisch eine gigantische audiovisuelle Mensch-Maschine. Nebenan gibt’s auch eine lustige Spielecke fürs Publikum: An einem sich langsam drehenden kleinen Modularsystem darf man selbst mitmachen und an dem Karussell so lange Kabel umstecken, Schalter umlegen und Regler drehen, bis sich das aus dem Ding kommende Fiepen, Knacksen und Gluckern tatsächlich verändert.

In den einzelnen, mitunter äußerst komfortabel bestuhlten Sälen spielen Livebands auf, die mir allesamt zuvor noch nix gesagt haben und zwischen cool (Freeda Beast) und etwas albern (Johann Sebastian Bass) variieren. Und sonst? Mit Cyberbrille und Kopfhörer ausgestattete Menschen schwingen auf einer Schaukel durch irgendwelche virtuelle Realitäten, und dann war da noch irgendwas mit einem Hasen, was ich aber nicht ganz kapiert habe. Die Bilder:

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Vinylgeschichten: Dr. Dre – The Chronic

The Chronic Cover

„Biaatsch“ – Snoop Doggy Doggs ganz spezielle Aussprache dieses im Rap ja doch hin und wieder verwendeten Wortes rechtfertigt den laut Wikipedia „beleidigenden Ausdruck für eine Frau“ keineswegs. Aber es verleiht dem Ganzen dann irgendwie doch eine humorvolle Note. „Gangsterrap klang nie süßer“, schrieb wohl nicht zuletzt deshalb laut.de einmal über den Hip-Hop-Klassiker „The Chronic“, der eine Zeit lang in jedem anständigen DJ-Case stand. So ganz am Anfang auch in meinem.

Meinen ersten festen DJ-Job hatte ich in einer ziemlich netten Kneipe, heute würde man Szene-Bar dazu sagen. Auf jeden Fall gab‘s dort am Wochenende immer Sound vom DJ, und der Freitag gehörte uns. Auf dem Programm stand alles zwischen Rap, Jazz, Funk und Soul. Publikumswünsche wurden gerne erfüllt, vor allem wenn düster dreinblickende Baseballcapträger kurz und knapp „Cube“ einforderten. Besagter Typ war in Wirklichkeit natürlich total harmlos, und ein paar Ice Cube Songs hatte ich tatsächlich in petto. Musikalisch gesehen war das sowieso völlig in Ordnung. Denn der Deal mit der Bar-Chefin war: Hip Hop bis elf, „und dann könnt Ihr Euer Acid-Jazz-Zeugs spielen“. Gebongt. Also bekam der Kerle nicht nur jeden Freitagabend und notfalls auch nach elf seinen Cube, sondern auch noch Dr. Dre hinterher.

Womit wir beim Thema wären: Dr. Dres „The Chronic“. 1992 veröffentlicht. Eines der besten Rap-Alben aller Zeiten. Das sag‘ jetzt nicht ich, sondern das ist einfach so. Dicker, cooler, trockener war Gangsta-Rap bis dato nicht und wahrscheinlich danach auch nie wieder. Zumindest nicht in dieser geballten Form. Nuthin‘ but a G Thang, Baby. Let Me Ride, Fuck wit Dre Day und so weiter und so fort. Eine LP voller G-Funk-Straßenhits.

The Chronic Back

Ich spielte „The Chronic“ damals noch von CD, weil ich mir dann erst später die 2001 nachgepresste Doppel-Vinylausgabe holen sollte. Viel wichtiger aber: Ich hatte auch eine Kopie auf Tape. Fürs Auto. Weil „The Chronic“ eben ein Album ist, das wahrscheinlich primär fürs Auto produziert wurde. Schon klar, eher für fette Amischlitten und nicht unbedingt für meinen postgelben rostigen 40-PS-Fiesta mit Bob-Marley-Bäpper hinten drauf. Aber egal. Scheibe runter. Zum ersten Beat spulen und Kupplung langsam kommen lassen. Dre. Hell yeah, Biaatsch. Wie cool.

Was das Ex-N.W.A.-Mitglied da zusammen mit seinen Homies Snoop & Co. rappte, hatte mit unserem Abiturientenleben zwar so gar nix zu tun. Aber – und hier wird`s entscheidend: Wir waren uns dessen voll und ganz bewusst. Unsere schwäbische Kleinstadt war nicht South Central Los Angeles. Nicht mal ein bisschen. Und wir keine Gangster. Nicht mal ein bisschen. Und eigentlich war uns der ganze Ami-Style auch völlig egal. Aber Dre zu hören, das war trotzdem okay. Vor allem in Verbindung mit Ford Fiesta und Kupplungsproblemen ergab das ein stimmiges Gesamtbild, für das man sich nicht schämen muss. Auch wenn man sonst Arrested Development hörte.

Aber Gangster-Business hin oder her. Die Platte war einfach musikalisch ein absoluter Meilenstein. Und so zeitlos, dass sie heute immer noch vollkommen alltagstauglich ist. Gerade bei L.A.-Wetter. Dres wuchtige Raps, seine fetten Beats im entspannten Kopfnickertempo, die legendären Synthiemelodien, die sich wie ein roter Faden durch die Tracks ziehen und unverschämt funky daherkommen, und natürlich Snoop Doggy Doggs geschmeidiger Einstand auf der großen Hip-Hop-Bühne. Ein Album wie aus einem Guss, das es nach dem Fiesta auch in jedes Nachfolgerfahrzeug geschafft hat. All Killer, no Filler. Biaatsch.

  • Faktencheck:
    Titel:
    „The Chronic“
    Interpret: Dr. Dre
    Label: Death Row
    Pressung:
    2001
    Bezugsquelle:
    Plattenladen
    Genre:
    Hip Hop
    Platz im Plattenregal:
    zwischen N.W.A. und Ice-T
    Nerd-Faktor:
    null
    Angeber-Faktor:
    kommt aufs Auto an
    Musikalischer Anspruch:
    hoch
    Anspieltipp:
    „Nuthin‘ but a G Thang“
    Wert laut discogs.com:
    Zwischen 13 und 27 Euro. Für die US-Originalpressung von 1992 werden zwischen 25 und 150 Euro verlangt.